Chronik | Österreich
28.09.2017

Razzia gegen Baumafia - Drahtzieher ist österreichischer Unternehmer

Die Finanzpolizei hat sechs mutmaßliche Bau-Ganoven verhaftet, der Schaden soll zumindest 55 Millionen Euro betragen. Hier die weiteren Details.

Pünktlich um sechs Uhr früh standen am Dienstag Ermittler von Polizei und Finanz vor 24 Türen in Wien, Nieder- und Oberösterreich. Es handelte sich um die Wohnsitze und Firmenstandorte mehrerer mutmaßlicher Bau-Betrüger, die in Mafia-Manier gearbeitet haben sollen. Die Finanz beziffert den bisher bekannten, verursachten Schaden auf rund 55 Millionen Euro – eine Summe, die noch deutlich steigen dürfte.

Sechs Männer wurden festgenommen. Sie sollen mehr als 755 Arbeiter in 39 Scheinfirmen beschäftigt haben. Da die Ermittlungen nach wie vor laufen, dürfte die eine oder andere dubiose Gesellschaft noch dazu kommen.

"Sie waren sich ihrer Sache völlig sicher, waren vollkommen verdutzt, als die Polizei bewaffnet vor ihrer Tür stand", schildert Ewald Engel, Einsatzleiter der Finanzpolizei die Razzia.

Namhaftes Unternehmen

Bei den Verdächtigen handelt es sich um Bauunternehmer aus dem ehemaligen Jugoslawien – Kopf des mutmaßlich kriminellen Netzwerks soll allerdings ein "waschechter" Österreicher sein.

"Es handelt sich um eine im Osten Österreichs sehr bekannte Firma mit einer Gewerbeberechtigung", heißt es dazu aus der Baubranche. "Da das gesamte Geschäftsmodell auf diesen illegalen Machenschaften aufgebaut sein dürfte, rechnen wir damit, dass Unternehmen in Kürze vom Markt verschwindet."

Den Verdächtigen werden illegale Preisabsprachen, systematische Steuerhinterziehung, Lohndumping und die Hinterziehung verschiedener Sozialabgaben vorgeworfen.

Der Hintergrund

Seit September 2014 wird gegen das Netzwerk ermittelt. Stutzig wurde die Finanzpolizei bei Baustellenkontrollen. "Da waren Dienstnehmer auf ausländische Firmen angemeldet, die nur Briefkastenfirmen waren", erklärt Engel. Die Ermittlungen führten die Beamten schließlich bis zu den Hintermännern. "Das gelingt uns nur selten", sagt der Einsatzleiter.

Die involvierten Firmen sind auf Fassadenbau spezialisiert. Die Arbeiter, die aus Rumänien, Bulgarien, Serbien, der Slowakei und Ungarn kamen, lebten unter menschenunwürdigen Zuständen. Sie wurden in Massenquartieren oder direkt in den Baucontainern untergebracht und bekamen einen Monatslohn von 500 bis 600 Euro. "Das ist aber noch immer mehr, als sie in ihren Herkunftsländern verdient hätten", sagt Engel.

Die Hintermänner hingegen sollen in Saus und Braus gelebt haben. Von imposanten Häusern, teuren Autos, Schmuck- und Geldvermögen sowie Immobilien im Ausland ist die Rede. Der Betrug funktionierte laut Finanzpolizei so: Die Arbeiter wurden in einem Scheinfirmen-Netzwerk im Ausland "angemeldet" und unter Ausnutzung der sogenannten EU-Entsenderichtlinie nach Österreich zur Arbeit geschickt.

Das Betrugsmodell

Tatsächlich waren diese Arbeiter aber weder im Ausland noch in Österreich bei den Sozialversicherung oder bei der Finanz gemeldet. Ihren Arbeitgeber, bei dem sie angeblich beschäftigt waren, bekamen die angeheuerten Bauarbeiter nie zu Gesicht. Indes wurden sie von einer zur nächsten Baustelle geschickt, wo ihnen dann mitgeteilt wurde, für welche "Firma" sie tätig sind.

Die Schein-An- und Ummeldungen sowie die Auftragsvergaben und die Rechnungsabwicklung erfolgten hierzulande über gewiefte Mittelsmänner. Die Rechnungsgelder wurden auf ausländische Konten überwiesen, dort allerdings von den Betrügern abgehoben.

"Direkt vor der Bank wartete schon jemand, um das Geld in Empfang zu nehmen und nach Österreich zurück zu bringen", schildert der Einsatzleiter. Auch waren die mutmaßlichen Täter untereinander gut vernetzt. Allein bei einem Verdächtigen wurden bei der Razzia zwölf Handys und drei Laptops sichergestellt.

Der oberste Bau-Gewerkschafter Josef Muchitsch lobt den Einsatz der Finanzpolizei: "Es ist sehr wichtig, dass diese Sümpfe trockengelegt werden, denn es werden der Staat, die Arbeitnehmer und die Mitbewerber durch die illegalen Machenschaften geschädigt."