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Chronik | Österreich
01/10/2015

Rauch-Sheriff: Vom Feindbild zum Vorkämpfer

Nichtraucher-Schützer hoffen auf generelles Rauchverbot, zeigen säumige Wirte aber weiter an.

Österreichs Rauch-Sheriffs wurden jahrelang verhöhnt, ausgelacht und sogar körperlich attackiert. Doch der Lungenkrebs-Tod des Journalisten Kurt Kuch, 42, löste ein Umdenken in Politik und Bevölkerung aus. Die Regierung denkt so laut wie nie über ein generelles Rauchverbot in den 76.000 heimischen Gastronomiebetrieben nach.

Österreichs bekannteste Rauch-Sheriffs, Dietmar Erlacher und Robert Rockenbauer gönnen sich dieser Tage so manches triumphierende Lächeln. Schließlich stemmen sich die beiden Tiroler seit Jahrzehnten gegen Nikotin in der Gastronomie.

Dietmar Erlacher sorgte 2006 erstmals für Schlagzeilen. Der an Krebs erkrankte Tischler rekrutierte eine Rauch-Sheriff-Truppe von 400 Mitstreitern und begann mit Anzeigen-Feldzügen gegen Wirte. Das umstrittene Tabakgesetz trat damals gerade in Kraft. Die Gastronomen ignorierten die Gesetzgebung großteils – Nichtraucher wurden in Lokalen zum Passivrauchen "genötigt".

26.000 Wirte angezeigt

"Wir haben bisher 26.000 Betriebe angezeigt. Der Fokus lag auf Ostösterreich. Vor zwei Wochen waren wir in Bad Schönau. Es hagelte Anzeigen – und wir machen weiter", sagt Erlacher.

Der Tiroler machte sich damit viele Feinde. "In der Lugner City habe ich Wirte 250-mal angezeigt. Richard Lugner erteilte mir daraufhin Betretungsverbot für sein Einkaufszentrum." Doch der 64-Jährige kam wieder und wurde aus dem Shopping-Tempel geworfen. "Damals wurde mir auch körperliche Gewalt angedroht."

In einem Wiener Beisl ging die Rauch-Kontrolle weniger glimpflich aus. Der verärgerte Wirt warf Erlacher kurzerhand aus dem Lokal. Es kam zu einer Rangelei und einem Gerichtsverfahren (Nötigung, gefährliche Drohung). Auch die Eingangstür seines Vereins "Krebspatienten für Krebspatienten" wurde mit Buttersäure attackiert, die Täter nie gefasst. Und in Internetforen wurde dem unerschütterlichen Nichtraucher offen mit Gewalt gedroht.

Die Frage, ob sich der Kampf gegen das Nikotin gelohnt hat, beantwortet Erlacher mit einem Lächeln: "Ich gehe davon aus, dass das Parlament im ersten Halbjahr 2015 ein generelles Rauchverbot beschließen wird. Und das ist ein Erfolg den ich nicht erwartet hätte." Der Tiroler stellt Forderungen: "Das Rauchverbot muss von strengen Kontrollen und Strafen begleitet werden."

Nichtraucherecken

Bereits seit 40 Jahren macht der Innsbrucker Buchhändler Robert Rockenbauer gegen Tabakkonsum mobil: "Ich erinnere mich gut an die ersten Nichtraucher-Ecken in meinem Geschäft. Wir wurden verhöhnt." Das hat sich geändert. Rockenbauer sieht sich eher als Nichtraucher-Schützer denn als Rauch-Sheriff: "Endlich akzeptiert die Politik, dass wir die Lachnummer Europas sind. Das Jahre lange Herumgemurkse ist ein Armutszeugnis, denn Gesundheit ist nicht verhandelbar."

Dass Rauch-Sheriffs plötzlich "salonfähig" sind, zeigt der Umstand, dass Rockenbauer am 28. Jänner einen Termin im Gesundheitsministerium hat. Fast ein Jahrzehnt wurden die Vorkämpfer für eine rauchfreie Gastronomie ignoriert und hinter vorgehaltener Hand sogar als "Querulanten" beschimpft.

Tabakgesetz: Handelsgericht droht mit 100.000 Euro Strafe

Während der Obmann der Österreichischen Gastronomie, Helmut Hinterleitner seine Mitglieder auf das bestehende Tabakgesetz (Raucher-/Nichtraucherräume) einschwört, scheren immer mehr Wirte aus dem vorgegebenen Kurs der Wirtschaftskammer aus.

Einstweilige Verfügung

Denn die "Interessensgemeinschaft für einen fairen Wettbewerb in der Gastronomie" zeigte erstmals einen Gastronomen, der sich nicht exakt an die Trennung Raucher-/Nichtraucher hielt, beim Wiener Handelsgericht an. Richterin Maria-Charlotte Mautner-Markhof erließ als Urteil eine Einstweilige Verfügung. Entweder das Lokal "The Golden Harp Irish Pub Wien" stellt Nichtrauchern umgehend die größere Lokal-Fläche für Nichtraucher zur Verfügung, oder es droht eine Beugestrafe von bis zu 100.000 Euro. "Raucher hätten es in dem gemütlichen und weitläufigen Lokal besonders bequem", so die Urteilsbegründung. Der klagende Verein besteht aus zwölf Gastronomen, größtenteils aus der Gegend Naschmarkt.

Der KURIER besuchte das Golden Harp Irish Pub in Wien-Landstraße. Der Geschäftsführer , Thomas Wagner hatte wenig Freude mit dem Urteil, zeigte sich ansonst aber eher gelassen: "Wir sind der richterlichen Aufforderung nachgekommen und haben davon eigentlich profitiert. Denn jetzt kommen auch mehr Nichtraucher zu uns."

Kurzfristig stellte das Pub mit einer Kapazität für 250 Gäste sogar auf komplett rauchfrei um. "Wir hatten schlagartig einen Umsatzrückgang von 40 Prozent. Das ist ein Vorgeschmack auf ein eventuelles generelles Gastro-Rauchverbot", kritisiert Wagner. Er arbeitet seit 36 Jahren in der Branche. Sollte die Zigarette aus Lokalen verbannt werden glaubt Wagner an ein bundesweites Wirte-Sterben: "Wir müssten jedenfalls von 12 Mitarbeitern auf etwa die Hälfte reduzieren."

Denunziantentum

Parallel zu den erwarteten Kündigungen im eigenen Haus ärgert Wagner das "Denunziantentum der Kollegen": "Denn der Verein der uns angezeigt hat spricht von fairem Wettbewerb. Und dann ziehen diese Leute vor Gericht und vernadern uns. Das ärgert maßlos."

Doch Wagner gibt noch lange nicht auf: "Wir kennen Österreichs Politik. Schauen wir einmal ob das Rauchverbot überhaupt kommt."