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© EPA/SASCHA STEINBACH

Chronik Österreich
01/04/2022

Psychoterror: Mitarbeiterin meldete Vorgesetzte auf Sex-Plattformen an

Zweifache Mutter mit Hunderten Nachrichten bombardiert und Privatadresse auf mehreren Kontaktseiten veröffentlicht.

von Stefan Jedlicka

War es unerfüllte Zuneigung oder Ärger über zurückgewiesenen Geltungsdrang? Für eine Managerin eines großen österreichischen Unternehmens endete das anfangs normale Arbeitsverhältnis zu einer Mitarbeiterin jedenfalls in einem Psycho-Martyrium. Sie wurde von der Angestellten mit Hunderten Textnachrichten bombardiert, die auch Beschimpfungen und Drohungen enthielten. Zudem wurde die Frau ohne ihr Wissen auf mehreren Sex-Kontaktplattformen angemeldet – mit Foto, privater Telefonnummer und Adresse. Wegen „beharrlicher Verfolgung“ musste sich die 41-jährige Mitarbeiterin deshalb am Landesgericht Wiener Neustadt verantworten.

Die Folgen für ihre Chefin waren dramatisch. „Ab 6 Uhr morgens bekam ich Nachrichten von Herren. Das ging oft bis 3 Uhr nachts“, erzählte die zweifache Mutter. Manche Paarungswilligen seien gleich direkt zur angegebenen Adresse gekommen, andere schickten freizügige Bilder. „Weil meine Kinder Zugang zu meinem Handy hatten, musste ich das alles auch mit ihnen aufarbeiten“, schilderte die Frau, die noch immer psychologische Betreuung benötigt.

Morddrohungen

Hinzu kamen Morddrohungen. „Wie sehr hat das ihr Leben beeinflusst“, wollte der Richter wissen. „Sehr“, antwortete die 35-Jährige. „Man schaut sich immer um, wenn man das Haus verlässt, beobachtet seine Umgebung ständig. Ich hatte Angst, natürlich auch um meine Kinder.“

"Sie suchte Aufmerksamkeit"

Dabei habe sie den über dienstliche Belange hinausgehenden Kontakt zur Mitarbeiterin zunächst zugelassen. Aus Mitleid. „Sie suchte Aufmerksamkeit“, erinnerte sich die Managerin. „Sie hat erzählt, dass ihre Mutter an einem Herzinfarkt gestorben ist, ihre Freundin Selbstmord begangen hat, dass ihr Patenkind überfahren wurde, ihr Bruder an einer Überdosis gestorben ist und dass sie als Kind vergewaltigt wurde.“ Auch Beziehungsprobleme mit einer Ex-Freundin habe die 41-Jährige mit ihrer Vorgesetzten besprochen und angeboten, fünfmal pro Woche für ein gemeinsames Essen zu kochen.

„Hat mich ausgenützt“

Bis es der Chefin zu viel wurde und sie den Kontakt auf rein dienstliche Angelegenheiten reduzieren wollte. Daraufhin habe der Psychoterror begonnen. „Ich habe 1.500 Seiten Korrespondenz mit ihr aufgehoben zu Beweiszwecken. Das sind insgesamt 360.000 Wörter“, schilderte die 35-Jährige.

Von der Angeklagten wird das Verhältnis freilich völlig anders dargestellt. „Sie hat mich ausgenützt, auch finanziell, mich vor anderen beschimpft und meine Arbeit immer schlecht gemacht“, klagte sie vor Gericht. Essen zu kochen und Frühstück zu besorgen sei ihr von der Vorgesetzten aufgetragen worden. Sie habe auch private Besorgungen erledigen müssen ohne Geld dafür zu erhalten.

"Viermonatiger Kurzschluss"

Zu den Vorwürfen bekannte sie sich aber schuldig: „Ich habe die Nachrichten geschrieben – in einer Kurzschlussreaktion.“ Das schien dem Richter allerdings wenig glaubwürdig. „Von Mai bis September 2021? Das war dann aber ein viermonatiger Kurzschluss“, hielt er der 41-Jährigen vor.

Die Frau wurde mittlerweile gekündigt. "Weil sie Daten in unserem Zeiterfassungssystem gefälscht, mir Informationen vorenthalten und mir vor Mitarbeitern den Stinkefinger gezeigt hat", erklärte ihre Vorgesetzte. Für die Angeklagte könnte der Fall aber nun ein noch unangenehmeres Nachspiel haben. Wegen der in ihren Nachrichten enthaltenen Todesdrohungen überlegt die Staatsanwaltschaft, die Anklage auch auf "Gefährliche Drohung" zu erweitern. Der Prozess wurde vorerst zur genauen Auswertung der Handydaten vertagt.

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