Chronik | Österreich
06.09.2017

Psychoterror löst die häusliche Gewalt ab

Prozessbegleiter haben es bei der Betreuung vermehrt mit Frauen zu tun, die von ihren Männern überwacht, isoliert, erpresst und abgewertet werden.

Rund 7500 Mal im Jahr werden Opfer von Gewalttaten vor Gericht von psychosozialen Prozessbegleitern unterstützt. Die Tendenz ist steigend. Das geht von der älteren Dame, der ein Straßenräuber die Handtasche entrissen hat, über die gestalkte Ex-Freundin bis zur misshandelten Ehefrau.

Wobei die gewalttätigen Männer vermehrt auf Psychoterror ausweichen, wie Andrea Brem, die Geschäftsführerin der Wiener Frauenhäuser, beobachtet: Schlafentzug, Angst machen, "mit dem Messer spielen", Nachspionieren, totale Kontrolle bis hin zum Kassazettel mit der aufgedruckten Uhrzeit des Einkaufs im Supermarkt, Isolation, Abwertung ("du bist so schiach"). Brem: "Der weiß genau, wenn er die Frau schlägt und sie hat sichtbare Verletzungen, hat er schlechte Karten."

Intimsphäre

Auch Andreas Zembaty von Neustart – der Verein bietet wie die Frauenhäuser Prozessbegleitung an – beobachtet die Zunahme dieser "perfiden Form der häuslichen Gewalt." Dazu kommen in jüngster Zeit vermehrt Opfer von Einbrüchen in Wohnhäusern ("Home Invasion"), die den Eingriff in die Intimsphäre daheim als besonders belastend empfinden.

Es gibt laut Zembaty in der Betreuungsarbeit Fälle, in denen sich die Bewohner während des Einbruchs schlafend gestellt haben, was aber letztlich ebenso eine traumatische Erfahrung ist.

Die sozialpädagogisch und psychotherapeutisch geschulten Prozessbegleiter bereiten die Opfer darauf vor, was mit dem Anlaufen der Gerichtsmaschinerie auf sie zukommt. Neustart hat durch seine sonstige Tätigkeit im Justizumfeld (Bewährungshilfe) einen direkten Draht zu den Richtern und vereinbart im Vorfeld oft schon geschützte Zeugenbefragungen.

"Das Opfer will ja angehört und aufgefangen werden und nicht Fragen beantworten wie: ’Welche Hand von ihm war wann an welcher Stelle ihres Körpers?’", sagt Adelheid Kröss von der Beratungsstelle für Frauen in Wien-Meidling: "Aber genau solche Fragen zu stellen ist die Aufgabe von Polizei und Gericht."

Wenn dann der "Freispruch im Zweifel" für den mutmaßlichen Täter kommt, müsse man dem Opfer erklären, dass zwar Unrecht geschehen, aber nicht zu beweisen war.

Der bisher krasseste Fall von psychischer Gewalt traf die Mutter zweier kleiner Kinder (zwei und vier Jahre alt), die mit ihnen vor ihrem gewalttätigen Ehemann ins Frauenhaus geflüchtet war. Der Mann, ein Syrer, entführte die Kinder ins Kriegsgebiet und ließ sie dort in einem Lager bei Verwandten zurück, nur um seiner Frau weh zu tun. Das Zurückholen der Kinder dauerte lange und zog ein ausgewachsenes Trauma nach sich.

Gefährdungspotenzial

Prozessbegleiter müssen auch Gefährdungsabschätzungen vornehmen: Reicht ein Betretungsverbot? Hält die Frau dem Druck stand?

Eine junge Frau aus dem Kosovo wollte dem streng-religiösen Elternhaus entfliehen und heiratete früh. Sie folgte ihrem Mann nach Wien, blieb im Haushalt, lernte nicht Deutsch, weil er ihren Besuch von Deutschkursen unterband, wurde von ihm isoliert. Als er gewalttätig wurde, lief sie davon, nahm ihn dann aber wieder auf.

"Gewalt ist gleich Trennung? So einfach ist das nicht", sagt Adelheid Kröss: "Sie hatte allein wenig Perspektiven, konnte nicht Deutsch, der Aufenthaltstitel ist vom Mann abhängig. Das ist nach außen schwer zu vermitteln." Auch dafür wird die Prozessbegleiterin gebraucht.

Cybermobbing

Außerdem hatte der Mann ein weiteres Erpressungsmittel in der Hand: Intimfotos der Frau, die in den glücklichen Anfangszeiten der Ehe aufgenommen worden waren, und die er nun online stellte. Ihre Verwandten bekamen das mit, übten Druck auf die Frau aus, sie bringe Schande über die Familie, man könne die Töchter nicht mehr verheiraten.

Inzwischen hat sie sich doch von ihrem Mann getrennt, Deutsch gelernt, einen Job gefunden, und sie ist dabei, mit Hilfe der Beratungsstelle für Frauen ein Gerichtsverfahren durchzukämpfen.

"Die Prozessbegleitung nimmt den Gerichten auch Arbeit ab", sagt Andrea Brem: "Die Emotionen sind schon einmal deponiert, es ist alles strukturiert, es wird Unrecht aufgezeigt, das sollte uns etwas wert sein." Aktuell werden für die psychosoziale Prozessbegleitung drei Millionen Euro pro Jahr ausgegeben.

Kinder, die "nur" Zeugen von Übergriffen geworden sind, bekommen keine Prozessbegleitung. "Dabei sind sie eine besonders belastete Gruppe", beklagt Andrea Brem: "Wir betreuen sie trotzdem."

Fakten und Zahlen

Prozessbegleitung wird unter anderem vom Weissen Ring, der Möwe, Gewaltschutzzentren, TAMAR, Neustart und den Frauenhäusern angeboten.

1205 Fälle von fortgesetzter Gewalt über eine längere Zeit wurden 2015 von den Gerichten bearbeitet. 2010 waren es noch 450.

7494 Gewaltopfer bekamen 2016 psychosoziale Prozessbegleitung. 2015 waren es 7320.