Chronik | Österreich
13.06.2016

Mit Anwälten und Mördern in Haft

Prager Autor Stephan Templ über "Saujud"-Sager, tschetschenische Beschützer und gelöteten Weihnachtsschmuck.

Der Prager Journalist und Autor Stephan Templ saß wegen Betruges acht Monate in der Justizanstalt Wien-Simmering. Er hatte bei der Restitution eines Palais in Rathausnähe (Sanatorium Fürth) die Existenz seiner Tante verschwiegen und für seine Mutter einen Ablöseanteil von 1,1 Millionen Euro erwirkt. Vorige Woche wurde der 55-Jährige entlassen.

KURIER: Wie geht es Ihnen nach acht Monaten Strafhaft?

Stephan Templ: Wenigstens fit bin ich jetzt. Ich bin als Freigänger jeden Tag von der Justizanstalt zur (Israelitischen) Kultusgemeinde, bei der ich gearbeitet habe, 13 Kilometer und zurück geradelt. Das Radeln geht mir in Prag ab. Aber sonst: Man sitzt es sich halt leichter, wenn man was ausgefressen hat. Ich verstehe bis heute nicht, weshalb ich verurteilt wurde.

Also keine Schuldeinsicht? Auch nicht moralisch? Immerhin hat Ihre Mutter den doppelten Anteil bekommen, weil die Tante nicht berücksichtigt wurde.

Ich weiß bis heute nicht, wie viele Erben es gibt. Und viele Erbstämme – von denen der involvierte Notar Kunde hatte – sind nicht berücksichtigt worden, sonst hätten alle weniger bekommen. Wer sich meldet, kriegt etwas, wer sich nicht meldet, kriegt nichts. Das ist ja kein Rechtsanspruch, sondern wie eine Schenkung. Außerdem war das Verhältnis zur Tante nicht gut, wir haben vorher schon ausgeplünderte Konten vorgefunden.

Wie war der Umgang mit den Mithäftlingen?

Man ist eingeklemmt zwischen Wachjustiz und "Naturjustiz" der Mithäftlinge. Es gibt Roma, Slowaken, Albaner, nur 40 Prozent Österreicher. Ein Großteil der Häftlinge sind FPÖ-Anhänger. Der Stockchef hat die Hausarbeiter aus einer Nation zusammengestellt, durchwegs Serben, die teilen das Essen aus. Von denen hab’ ich schon das Wort "Saujud" zu hören bekommen. Ich habe aber für die tschetschenischen Mithäftlinge vom Russischen übersetzt und für sie Besuchsbegehren und anderes geschrieben. Ab dem Zeitpunkt hatte ich meine heilige Ruhe, weil vor den Tschetschenen hatten alle anderen Spundus.

Und wie verhalten sich die Justizwachebeamten?

Viele Beamte sind sehr bemüht. Aber es gibt einen Beamten, der einen mit der Taschenlampe aufweckt. Beim Kontrollgang leuchtet einem der um 23 Uhr ins Gesicht. Und es gibt die Kollektivbestrafung: Elf Mithäftlinge melden sich zu einem Staplerkurs. Die Beamten fahren mit ihnen im Bus zum Kurs. Unterwegs haut einer ab, daraufhin wird der ganze Kurs nur wegen dem einen für alle abgesagt. Aber im Prinzip ist es so: Wenn man denen keine Arbeit macht, lassen sie einen in Ruhe. Und man muss es sich gut stellen mit ihnen, weil irgendwann braucht man ihre Begutachtung, wenn es um die bedingte Entlassung zur Halbstrafe oder nach zwei Drittel geht. Ich habe am Anfang in der Bibliothek gearbeitet, der Beamte dort hat zu Weihnachten gern alles schön hergerichtet und mich gefragt, ob ich löten kann. So habe ich den Christbaumschmuck gelötet, und damit habe ich ihn für mich eingenommen.

Sie haben nach sechs Wochen Freigang bekommen, wird es dann leichter?

Die feste Haft und der Freigang (tagsüber in Freiheit arbeiten, nachts und am Wochenende in der Zelle, Anm.) sind unterschiedlich wie Nord- und Südkorea. Manche Wochenenden bekommt man Ausgang. An Feiertagen müssen alle drinnen sein, weil da haben viele Beamte frei und daher gibt es zu wenig Personal für die Kontrollen beim Zurückkommen in die Anstalt. Nur die, die im Gastgewerbe arbeiten, dürfen auch am Feiertag hinaus, zum Kellnern.

Mit welchen Mithäftlingen waren Sie zusammen, was haben die angestellt?

Im Entlassungsvollzug gibt es einen schwierigen Mix aus Häftlingen: Steuerberater, Rechtsanwälte und zum Beispiel ein Botschaftsangehöriger, der wegen nicht bezahlter Alimente eineinhalb Jahre saß. Und drei Mörder. Darunter ein Polizistenmörder, der auch seinen Vater umgebracht hat. Der hat lebenslang, sitzt seit 19 Jahren, ist aber sehr hilfsbereit und hat zu allen Häftlingen einen guten Draht. Einer hat seine Frau vor den Augen der Tochter erschossen, der ist ziemlich aggressiv. Die sind alle im Entlassungsvollzug und Freigänger. Gut schlafen tut man dort nicht, wenn man weiß, in der Küche gibt es zwei Messer und die Hafträume im Freigänger-Trakt sind nachts nicht abgesperrt.

Sie haben sich als Autor mit der Restitutionspolitik Österreichs kritisch auseinandergesetzt. Da macht man sich keine Freunde?

Die Historikerkommission hat alle im öffentlichen Besitz befindlichen Liegenschaften untersucht: Was wurde zwischen 1938 und 1945 enteignet? Gab es Verfahren nach dem Krieg? Diese Liste hätte veröffentlicht werden müssen, das wäre als Findbehelf für die weltweit verstreuten Erben ideal gewesen. So aber wurden in 15 Jahren nur 25 Liegenschaften zurückgegeben. Ich habe das 2010 in der Neuen Zürcher Zeitung kritisiert, dass die Liste nicht veröffentlicht wurde. Der Entschädigungsfonds hat dann prompt in meinem Fall gegen mich eine Presseaussendung voller Unwahrheiten gemacht. Und zwar zwei Tage vor dem endgültigen Urteil beim Oberlandesgericht. Dass man wegen einer Restitution in Österreich eingesperrt wird, verstehen viele nicht.

Umstrittenes Urteil Die Verurteilung von Stephan Templ zu einer Haftstrafe hat Österreich international negative Schlagzeilen beschert. Es war nicht klar, wen er betrogen haben soll: Die Tante wurde vom Gericht nicht als Opfer anerkannt, die Finanzprokuratur erklärte, dass die Republik nicht geschädigt sei.

Wiederaufnahmeantrag Ein Wiederaufnahmeantrag ist offen. Templ hatte die Tante in früheren Restitutionsanträgen erwähnt, dem Entschädigungsfonds musste ihre Existenz bekannt sein.