Chronik | Österreich
03.03.2018

Polizei rüstet technisch massiv auf

Neue Computerprogramme und Wissenschaftler unterstützen bei Brand- oder Mordermittlungen.

Spektakuläre Explosionen wie in der Gaspumpstation in Baumgarten (NÖ), Brände an heiklen Orten wie der russischen und thailändischen Botschaft oder ein Verdacht auf eine der mysteriösen, spontanen Selbstentzündungen: Bei solchen heiklen Fällen haben die Ermittler des Fachbereichs Physik im Bundeskriminalamt ihren Auftritt. Wie im Fernsehen, wo Columbo meist "ein Labor" benötigt, um seine Fälle zu lösen, ist es auch in der Wirklichkeit.

Im Physik-Referat sind statt gelernter Polizisten echte Wissenschaftler und Techniker am Werk. Zum aktuellen Team gehören etwa Chemiker, Hoch-/Tiefbau-Ingenieure, Maschinenbau-Experten, Elektrotechniker oder sogar ein Büchsenmacher. Um Kriminellen nicht zu viel Informationen zu geben, öffnen sie normalerweise nur selten ihre Türen für Journalisten. Denn die Ermittlungsmethoden der österreichischen Polizei sind auf High-Tech-Niveau.

3D-Vermessungen

Und derzeit wird noch einmal massiv aufgerüstet – ein neues Programm soll etwa eine dreidimensionale Vermessung und "Begehung" von Brandruinen ermöglichen.

Mit einem weiteren Programm, das derzeit vom Bundeskriminalamt gemeinsam mit der TU Wien entwickelt wird, sollen Abdrücke von Schuhen oder Werkzeugen eingescannt und halbautomatisch verglichen werden. "Man kann sogar feststellen, zu welchem Auto ein abgebrochener Mercedesstern gehört", erklärt Referatsleiter Herbert Gram . Das würde bei vielen Ermittlungen künftig enorm weiterhelfen. Der Computer sucht die Teile zusammen, der Mitarbeiter des Bundeskriminalamts bestätigt das anschließend.

Ballistik

Auch im Teilbereich Ballistik setzen die Beamten auf eine neue Software, die immerhin einen niedrigen sechsstelligen Betrag kostet. Damit können Patronenhülsen verglichen werden. Jedes abgeschossene Projektil hat nämlich einen eigenen Fingerabdruck, der es einzigartig macht. Mit dem Programm können Mordfälle verknüpft werden. Das System soll auch mit mehreren Nachbarländern vernetzt werden, die derzeit ähnlich aufrüsten. Das könnte den einen oder anderen Fall der Vergangenheit doch noch aufklären.

Brände gehören zu den schwierigsten Fällen, die Arbeit ist ein Puzzlespiel. "Der Boden eines Brandortes ist immer kühler als die Decke, deshalb gibt es dort mehr Spuren", erklärt Gram. Oft müssen deshalb erst mühsam die eingestürzten Deckenteile weggeräumt werden, um etwas in dem Schutt zu entdecken. "Wenn ein Suchhund anschlägt, hilft uns das zwar weiter, aber gerichtlich verwertet werden kann das nicht", sagt der Experte. Der Schutt muss dann im Referat chemisch analysiert werden – deshalb werden hier Fachleute benötigt.

Möbel-Puzzle

Mitunter müssen die Ermittler auch die Reste von Möbeln im bereits beiseite geräumten Schutt suchen und diese dann in mehreren Tagen Arbeit Stück für Stück zusammensetzen. Weitere Unterstützung bei den Untersuchungen erhalten sie von einem Drohnenteam des Innenministeriums. Nach der Arbeit vor Ort beginnt das Eliminationsverfahren. "Wir haben eine Liste mit Ursachen – vom Meteoriteneinschlag angefangen", sagt der Referatsleiter. Stück für Stück wird alles ausgeschlossen, bis nur mehr eine einzige Ursache übrig bleibt.

Knapp 100 solcher Fälle bearbeiteten die sechs spezialisierten Brandermittler im Vorjahr. Dabei sind sie für die gesamte Polizei in Österreich rund um die Uhr erreichbar. "Wir haben eine 24-Stunden-Rufbereitschaft", sagt Gram. Selbst im hintersten Tal steht also das Know-how der Experten jederzeit abrufbereit zur Verfügung.