Chronik | Österreich
19.07.2017

Personalnot: Wirte geben Politik Schuld

Servicekräfte immer schwieriger zu finden / Ruf nach Änderungen bei der Mindestsicherung.

"Heute geschlossen – Kein Personal aber 500.000 Arbeitslose. Sorry, Der Wirt!" Das Hinweisschild vor seinem Restaurant regte im Vorjahr auf. Ein Jahr später ist die Aktion von Martin Hintringer aus Feldkirchen (OÖ) auf Facebook immer noch ein Diskussionshit. Die Situation ist aus Sicht des Gastronomen aber kaum besser geworden. "Ich koche jetzt über die Sommermonate selber, weil es mir zu mühsam ist, wieder einen neuen Koch anzulernen. Lieber stehe ich selber 140 Stunden pro Woche in der Küche, bevor ich mir meinen Gastronomiebetrieb ruinieren lasse. Ich brauche aber dringend eine Küchenhilfe", sagt Hintringer zum KURIER.

So wie ihm geht es vielen Gastwirten in Österreich. Sie suchen verzweifelt Mitarbeiter und machen den Staat dafür verantwortlich, dass sie so gut wie kein qualifiziertes Personal finden. "Zumindest eine gute Servicekraft habe ich inzwischen gefunden. Ich könnte aber noch mehr brauchen", sagt Hintringer. Mehr Gehalt könne er allerdings nicht bezahlen, weil vieles teurer geworden sei. "Man muss bedenken, dass schon ein Großteil des Geldes die Verwaltung und Bürokratie frisst", ärgert sich Hintringer über immer strengere Auflagen. Die kollektivvertraglich vorgesehenen 1660 Euro brutto für Servicekräfte – inklusive Gratis-Konsumation – sowie zusätzlich mehrere hundert Euro Trinkgeld pro Monat seien aus Sicht der Wirte angemessen.

Ähnlich sieht das Günter Hager, Szenewirt aus Linz und Autor des Buchs "Fucking Gastro": "Finanzielle Entlastungen sind bei uns und den Mitarbeitern nicht angekommen." Im Gegenteil. "Betrug der Gewinn eines Gastronomen 2006 im Schnitt noch 12,5 Prozent des Umsatzes (nach Steuern), ist dieser Wert innerhalb eines Jahrzehnts auf 1,4 Prozent gesunken", sagt Hager und zitiert dabei eine Studie der Johann-Kepler-Universität in Linz, die er für sein Buch in Auftrag gegeben hat.

Hager glaubt, dass der Staat das Geld einstreift und Unternehmer und Mitarbeiter gegeneinander ausspielt: "Wenn die Gäste bei den Wirten jetzt 25 Prozent mehr als vor zehn Jahren zahlen müssen, wo ist dieses Geld sonst hingekommen?", fragt er.

Zugesperrt

Schon vor gut einem Monat zog Gastronom Karl Schillinger nach langem Auf und Ab Konsequenzen und schloss sein veganes Wirtshaus in Großmugl im Bezirk Korneuburg (NÖ). Er habe elf Mitarbeiter kündigen und zusperren müssen, weil er keine weiteren Bediensteten fand. Und das, obwohl er bereitwillig mehr bezahlt hätte, als der Kollektivvertrag vorsieht. Köche und Restaurantleiter würden lieber in der nahen Bundeshauptstadt arbeiten, als auf dem benachbarten Land, berichtete Schillinger dem KURIER.

Fakt ist: Alleine im Vorjahr waren 83.000 freie Stellen in der Gastronomie beim AMS gemeldet. Das Vielfache an Personen suchte in dieser Branche offiziell einen Job.

Seit es die Mindestsicherung gibt, würden vor allem Gastrobetriebe mit Personalproblemen kämpfen: "Vor Kurzem habe ich wieder eine kuriose Geschichte gehört. In einem Hotel hat der Hausmeister nach drei Wochen wieder gekündigt, weil er in einem Brief vom AMS erfahren hat, dass er bis Ende August noch Stempelgeld-Anspruch hat", schildert Mario Pulker, Bundesobmann der Sparte Gastronomie in der Wirtschaftskammer. Er fordert, dass der Missbrauch mit den Sozialtransfers endlich aufhört. "Es darf nicht sein, dass die Leute deswegen daheim bleiben. Die Mindestsicherung ist doch kein Lohnersatz", meint Pulker.

Die Vertreter der Gewerkschaft "vida" kontern: "Es ist sehr leicht, die Probleme auf den Staat zu schieben. Das reflexartige Hinhauen auf arbeitslose Menschen und die Mindestsicherungsbezieher, wenn es um den Personalmangel in der Gastronomie geht, ist leider ein gutes Spiegelbild der Branche", betont Berend Tusch, Vorsitzender des Fachbereichs Tourismus in der Gewerkschaft: "Viele würden gerne Vollzeit arbeiten, können aber nicht, weil viele Wirte die Beschäftigten nur ein paar Stunden brauchen." Aus seiner Sicht sind die Bedingungen für die Servicekräfte und Köche bei Arbeitszeit und Mobilität stark verbesserungswürdig.