Chronik | Österreich
24.07.2018

Österreich: Mehr Tote durch Hitze als im Straßenverkehr

Erstmals gibt es ein Berechnungsmodell in Österreich. Es soll auch als Warnsystem dienen.

Beinahe täglich melden Medien, dass Menschen in Japan, Mexiko oder Kanada an Hitze sterben. Doch wie viele Hitzetote gibt es in Österreich? Das wurde bisher nicht systematisch erfasst. Die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) hat eine Untersuchung gestartet: Experten arbeiten erstmals an einer genauen Statistik.

Deren Berechnungen zufolge sind in den Sommern von 2013 bis 2017 je zwischen null und 1122 Menschen an den Folgen der Hitze gestorben (siehe Grafik). Im Sommer des Vorjahres gab es beispielsweise 586 Hitzetote.

Warum die Zahlen so unterschiedlich hoch sind, können die AGES-Experten nicht sagen. Mehrere Faktoren dürften eine Rolle spielen: Eine Hitzewelle im Frühjahr sei beispielsweise viel gravierender als eine im August, wo der Mensch besser an die Hitze gewöhnt sei, sagt Franz Allerberger, Leiter der Abteilung für Öffentliche Gesundheit. Auch die Luftfeuchtigkeit spiele eine Rolle: Bei feuchter Luft ist Hitze viel belastender als bei trockener.

Interessant ist übrigens, dass in den Jahren 2013, 2015 und 2017 mehr Menschen durch Hitze als im Straßenverkehr gestorben sind. Zum Vergleich: Zählte man in diesen Jahren 414 bis 479 Verkehrstote, gab es 586 bis 1122 Hitzetote.

Verantwortlich für die Berechnungen ist AGES-Statistiker Lukas Richter. Im Rahmen seiner Dissertation entwickelt er das sogenannte HitzeMOMO (Basis für das mathematische Modell ist das europäische EuroMOMO – für Mortalitätsmonitoring). Die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG), die Statistik Austria und das Institut für Statistik der TU Graz sind ebenfalls beteiligt. Bei dem Modell berechnet eine Software, wie viele Todesfälle pro Woche zu erwarten sind: Liegt die Zahl der Verstorbenen über der Erwartung, spricht man von Übersterblichkeit. „Das HitzeMOMO erklärt die Übersterblichkeit mit der gemessenen Temperatur“, beschreibt Richter. Vereinfacht gesagt werden die wöchentlichen Todesfälle und die Lufttemperatur verglichen. Fallen Übersterblichkeit und Hitzewelle in dieselbe Woche, kann man von einem Zusammenhang und somit von Hitzetoten sprechen.

Ein Unsicherheitsfaktor bleibt aber: Am Totenschein wird Hitze schließlich nicht als Todesursache vermerkt, sondern eher Herz-Kreislaufversagen oder ähnliches.

Künftig soll das HitzeMOMO noch genauere Daten liefern: Werden derzeit nur 80 Prozent der Bevölkerung Österreichs erfasst, sollen es in zwei Jahren 100 Prozent sein. Zudem überlegen die Experten, Daten wie Luftfeuchtigkeit, gefühlte Temperatur oder Wind in die Berechnungen mit einzubeziehen.

Prävention

Ein wichtiger Faktor für das HitzeMOMO ist eine zeitnahe Messung. Konnte man Übersterblichkeit bisher nur im Nachhinein feststellen, soll das Modell von Lukas Richter mit einer Verzögerung von nur zwei Wochen funktionieren. Das HitzeMOMO soll dann eine Art Warnsystem für die AGES und auch für Politiker sein. Denn wenn niemand misst, wie viele Menschen sterben, fällt auch die Übersterblichkeit nicht auf. Die fatalen Folgen zeigten sich im Jahr 2003 in Paris: Damals starben so viele Menschen durch Hitze, dass ein Lebensmittel-Kühllager zur Leichenhalle umfunktioniert werden musste. „Niemand war darauf vorbereitet. So etwas darf nicht mehr passieren“, sagt Franz Allerberger.

Aus diesem Gedanken heraus ist übrigens das Eingangs erwähnte EuroMOMO entstanden: Denn dieses Programm vergleicht die Sterbezahlen der europäischen Länder – um gegebenenfalls bei einem deutlichen Anstieg der Zahlen rechtzeitig reagieren zu können.

Vorbeugung

Droht eine Hitzewelle, geht eine entsprechende Information an das Gesundheitsministerium und die betroffenen Bundesländer. Von dort werden  Pflegeeinrichtungen, Krankenhäuser und Kuranstalten sowie Kindergärten, mobile Pflegedienste, Ärztekammer oder Einsatzorganisationen gewarnt. Bei einer länger andauernden oder besonders starken Hitzeperiode wie in den Jahren 2015 und 2017 richten Ministerium und AGES ein Hitzetelefon ein. Dort bekommt man unter anderem Tipps, wie man bei einem Hitzestau oder einem Hitzeschlag  reagieren sollte.
Beides kann man allerdings relativ einfach vermeiden: Leichte und luftdurchlässige Kleidung, wenig Zeit in der Mittagshitze, keine unnötigen Anstrengungen und kühle Räume aufsuchen sind einige Tipps. Vermeiden sollte man fette Speisen und alkoholische Getränke. Lieber greift man zu eineinhalb bis drei Litern Wasser oder ungesüßten Fruchtsäften sowie zu Obst, Gemüse, Kompotten  und fettarmen Suppen.

- Alina Neumann