Gewalt in Österreichs Zügen: Hilferuf des verängstigten ÖBB-Personals
Das ÖBB-Personal fordert mehr Polizei am Zug und dringende Unterstützung durch die Geschäftsführung. Grund dafür sind immer brutalere Übergriffe auf Zugbegleiter. Dem KURIER liegt ein Brief des Zentralbetriebsrats-Vorsitzenden der ÖBB-Personenverkehr AG, Martin Hofmann, an das Management vor, der ein brisanter Hilferuf ist.
Das Fass zum Überlaufen brachte ein Vorfall am vergangenen Wochenende in St. Pölten, wobei es dort schon seit Wochen Probleme gibt. Zwischen Wilhelmsburg und St. Pölten dürfte eine Jugendbande mehrere Sachbeschädigungen begangen und Zugbegleiter attackiert haben. So gab es einen versuchten Einbruch in einen Automaten, heruntergerissene Verkehrsschilder, Graffiti und mit einem Feuerzeug angesengte Gegenstände im Zug.
"Spürbare Verunsicherung" bei der ÖBB-Belegschaft
Der Vorfall habe "in der Belegschaft tiefe Betroffenheit und spürbare Verunsicherung ausgelöst. Viele Kollegen erleben derzeit ganz konkret die Sorge, im Dienst mit Situationen konfrontiert zu werden, auf die sie alleine nicht ausreichend vorbereitet oder abgesichert sind", heißt es in dem Schreiben.
Übergriffe auf Zugpersonal
Und weiter: "Im Zuge des kürzlich abgehaltenen Roundtables wurde ein Zehn-Punkte-Plan präsentiert, der unter anderem Maßnahmen zum organisatorischen Eigenschutz (Doppelbesetzung) vorsieht. Gerade vor diesem Hintergrund ist es aus Sicht des Betriebsrates wesentlich, dass vereinbarte Maßnahmen dort konsequent umgesetzt werden, wo bereits konkrete Risiken identifiziert wurden. Dazu zählt insbesondere, dass bei bekannten Gefährdungslagen eine Doppelbesetzung von Zugbegleitern sichergestellt wird."
Die Belegschaft erwartet sich "eine spürbare Verbesserung der Sicherheitslage". So brauche "es eine sichtbare und verlässliche Präsenz der Exekutive".
Kritik kommt auch von der Gewerkschaft: "In der Luftfahrt wäre es undenkbar, mit zu wenig oder gar keinem Kabinenpersonal zu fliegen – am Zug ist genau das teilweise Realität. Doppelbesetzung ist nicht nur eine Frage der Sicherheit, sondern stellt einen längst verloren gegangenen Standard wieder her. Die Kennzahlen zeigen klar: Wo in Doppelbesetzung kontrolliert wird, kommt es zudem zu weniger Übergriffen. Seit Jahren fordern wir mehr Personal am Zug – passiert ist das Gegenteil und damit muss jetzt Schluss sein", wettert Gerhard Tauchner, Vorsitzender des Fachbereichs Eisenbahn in der vida.
ÖBB setzen auf neuen Zehn-Punkte-Plan
Bei den ÖBB verweist man darauf, dass momentan viel gegen das "ernstzunehmende Problem" unternommen wird: "Das Aggressionspotenzial im öffentlichen Raum macht deutlich, dass umfassende Strategien und konkrete Maßnahmen notwendig sind, um die Sicherheit der Mitarbeiter nachhaltig zu erhöhen", erklärt Bahn-Sprecher Daniel Pinka. "Genau aus diesem haben die ÖBB am 18. Februar 2026 einen Round Table zur Sicherheit von Bahnmitarbeitern initiiert. Mit dabei Vertreter von Innen- und Verkehrsministerium, Gewerkschaft und Westbahn.
Ergebnis war besagter Zehn-Punkte-Plan, der kommende Woche evaluiert wird. "Neben den bereits laufenden Regelbestreifungen der Polizei sowie anlassbezogenen Sonderbestreifungen ist ein wesentlicher Meilenstein die Einführung sogenannter lagebildbasierter Streifen. Diese befinden sich aktuell in der Implementierungsphase und machen Hot-Spots besser erkennbar, um gezielt durch Polizeipräsenz für mehr Sicherheit zu sorgen", erklärt Pinka als einen der Eckpunkte.
Auch die internen Rahmenbedingungen für den Einsatz von Bodycams würden aktuell geprüft und verbessert, um einen praktikablen, flächendeckenden Einsatz zu ermöglichen. Zusätzlich wird auch der Einsatz von Stichschutzwesten bei ÖBB-Sicherheitsmitarbeitern getestet. Neben technischen Maßnahmen, wo der wirksamere Einsatz der Videoüberwachung im Fokus steht, soll auch die Einführung eines stillen Alarms für Mitarbeiter, um ein gezieltes und rasches Einschreiten der Hilfskräfte bei Gewaltvorfällen sicherzustellen, eingeführt werden.
Pinka: "Eine wesentliche Maßnahme hier ist der erhöhte Personaleinsatz am Zug. Züge in den Tagesrandzeiten mit erhöhtem Bedarf an Präsenz und Sicherheit werden gezielt zusätzlich mit Sicherheitspersonal besetzt. Grundsätzlich muss man festhalten, dass das Sicherheitsniveau bei den ÖBB insgesamt höher zu bewerten ist als in vielen anderen Bereichen des öffentlichen Lebens."
Von den ÖBB übermittelten Zahlen zu Übergriffen zeigen keine Zunahme.
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