Chronik | Österreich
15.09.2018

Mehr Einsätze: Purer Leichtsinn am Berg

Die Wanderer haben bessere Ausrüstung als früher, aber oft fehlen Kondition und Tourenplanung.

Ein Elfjähriger kauert auf einem Felsvorsprung und traut sich nicht über die Brücke, die 250 Meter über Grund hängt.

Eine Urlauberin löst am Klettersteig ihre Haken aus dem Seil und steigt nach unten, um ihr verlorenes Handy aufzuklauben. Dann sitzt sie fest, weil sie ohne Sicherung nichtweiterklettern kann. Apropos Mobiltelefon: Am Donnerstag verirren sich zwei Deutsche auf dem Dachstein in Steilgelände sie haben dem GPS-Handy-Lotsen zu sehr vertraut.

Drei exemplarische Einsätze der vergangenen paar Tage untermauern Einschätzungen der Bergretter. „Outdoor boomt. Das ist schön. Aber die Leute überschätzen sich oft und unterschätzen, dass am Berg halt ein gewisses Risiko gegeben ist“, sagt Stefan Hochstaffl, Präsident des Österreichischen Bergrettungsdienstes. Die Zahlen sprechen für sich: Die Bergretter mussten 2017 um 19 Prozent öfter ausrücken als 2016 (siehe Grafik).

Die Kondition fehlt

Woran liegt das? Jedenfalls nicht mehr an der mangelnden Ausrüstung, betont Christian Kräutler vom Kuratorium für Verkehrssicherheit (KFV). Ein KFV-Team sah 700 Wanderern und Bergsteigern auf die Füße: 70 Prozent trugen Bergschuhe, 20 Prozent gute Turnschuhe. „Aber vielen hat die Kondition gefehlt“, betont Kräutler. „Wenn ich das Jahr über keine zwei Stockwerke am Tag gehe, dann wird das im Urlaub beim Wandern konditionell ein Problem.“ 70 Prozent gaben bei der Befragung zu, vor der Tour kaum trainiert zu haben.

Bergretter Hochstaffl teilt diese Einschätzung. „Flip Flops auf den Bergen sind fast weg. Aber was nützt mir die beste Ausrüstung, wenn ich damit nicht umgehen kann?“ Fehlende Kondition ist das eine, nicht vorhandene Planung das andere. Laut KFV schaut sich ein Viertel der Wanderer die Tour vorab nicht an, ein Drittel der Unfälle passiert auf nicht markierten Wegen: Die Leute verirren sich, vertrauen dem in Bergen oft verfänglichen GPS-Signal ihres Handys.

Das immer breiter werdende Angebot lockt. „Die Anzahl der Klettersteige hat sicher um 50 Prozent zugenommen“, schätzt Präsident Hochstaffl. Doch gerade dort würden Schwierigkeitsgrade wie Distanz oft unterschätzt. „Da gehen Leute, die ein bisserl in der Halle geklettert sind, auf Touren, die drei, vier, fünf Stunden dauern“, berichtet Hochstaffl. „Damit haben sie nicht gerechnet.“ Dann klingelt es bei der Bergrettung, weil Erschöpfte zu holen sind.

Der beliebteste Sport

Die Natur ist sexy geworden, auch für jüngere Menschen: Wandern und Berggehen sind laut Umfrage des KFV die beliebstete Sportart, weit vor Radfahren und Schwimmen. Auf hochgerechnet 200 Millionen Wanderstunden kommen die Österreicher pro Jahr, das ist eine Menge.

Doch da ergibt sich ein Paradoxon: Wandern werde als Sport betrachtet, aber als einer, der kaum Training brauche, wundert sich KFV-Experte Kräutler. „Wandern klingt so harmlos wie Spazierengehen im Dorf. Die Berge werden mehr unterschätzt als zum Beispiel einen Marathon zu laufen.“ Viele Befragte wüssten auch die Höhenmeter nicht richtig einzuschätzen. „Wer es nicht schafft, an einem Tag 100-mal in den dritten Stock zu gehen, wird auch einen Berg mit 1200 Höhenmetern schwer schaffen.“

Tipps

Informieren und planen: Vor einer Wanderung  vor allem  in nicht bekanntes Gelände  Infos sammeln, entsprechende Seiten im Internet anschauen. Es gibt viele passionierte Wanderer, die Tourenberichte ins Netz stellen (sehr bekannt ist etwa www.bergfex.at). Wetterprognosen beachten, wichtige Notrufnummern  in die Handy-Kontakte speichern (Alpin-Notruf:   140, Euro-Notruf:  112).

Training: Ausdauer, Kraft und Gleichgewicht sind wichtige Begleiter auf einer Tour. Das muss vorab trainiert werden: Wer keinen Zweitausender vor der  Haustür hat, geht den 200 Meter hohen Hügel in der Nachbarschaft mehrmals  hintereinander hinauf. Eine Wanderung auf das Tempo des schwächsten Gruppenmitglieds abstimmen.

Nicht auf das Handy verlassen: Das GPS-Signal in Bergen ist oft nicht stark genug, vielfach auch irreführend. GPS-Tracking kostet zudem Akkulaufzeit: Ein Powerpack zum Aufladen zum Aufladen ist eine gute Investition.  Eine (gedruckte)  Wanderkarte ebenso.

Vorräte und Kleidung  einpacken: Es gilt die Faustregel, pro Stunde Gehzeit ist ein halber Liter Flüssigkeit nötig, am besten Wasser. Leicht bekömmliches Essen wie Obst oder Müsli- und Eiweißriegel sollte stets mit im Rucksack sein, ebenso wie Regenschutz  oder Sonnencreme. Der Rucksack muss sitzen, darf aber auch nicht  schwer beladen werden.  Auch das Eigengewicht des Rucksacks beachten.

Umgang mit der Ausrüstung lernen: Wer Touren in große Höhen macht und Steigeisen sowie Eispickel dabei hat, sollte diese Hilfsmittel zumindest einmal vorher  ausprobieren.

Informationen weitergeben: Möglichst nie alleine unterwegs sein. Und falls doch, einer Vertrauensperson  zu Hause über Dauer und Verlauf der Tour Bescheid geben.