Chronik | Österreich
09.03.2013

Hundeführschein fehlt der Biss

Der Tierschutzverein fordert jetzt ein Strafpunktesystem für Hundehalter.

Der Hundeführschein entwickelt sich zum Fehlschlag. Die 2010/2011 in Wien und in Niederösterreich verschärften Gesetze haben den gewünschten Rückgang bei den Bissen nicht gebracht. Laut den (noch inoffiziellen) Zahlen der Polizei hat es in den beiden Bundesländern seit der Einführung des Führschein sogar Zunahmen bei den Angriffen gegeben. Der Tierschutzverein fordert deshalb ein neues Strafpunktesystem für Hundebesitzer.

In der Bundeshauptstadt gab es vor Einführung des verpflichtenden Fragebogens für Besitzer bestimmter Rassen (also im Jahr 2009) exakt 356 Anzeigen wegen Hundebeißattacken. Im ersten Jahr der Maßnahme waren es 402 Angriffe, im Vorjahr laut KURIER-Recherchen 396 Bisse. Ähnlich die Lage in Niederösterreich: Statt 846 Attacken vor Start des Hundeführerscheins gab es im vergangenen Jahr bereits 892 Angriffe. Mit dem Hundeführschein sei „kein einziger Biss verhindert worden“, übt Katja Wolf vom Kynologenverband scharfe Kritik (siehe Interview unten). Madeleine Petrovic, Präsidentin des Wiener Tierschutzvereins, fordert deshalb neue Wege und „ein System wie beim Punkteführerschein für Autofahrer“. Punkte bekämen laut der Grünen Politikerin Besitzer, die ihren Hund frei laufen lassen, wenn Leinenpflicht besteht. „Wer das öfter macht, bekommt am Ende ein Hundehalteverbot“, erklärt Petrovic.

Katzenklo für Hund

Der Test für den Hundeführschein hatte schon im Vorfeld für Kritik gesorgt. In Wien müssen Hundebesitzer immer eine von drei Antworten ankreuzen, es wird etwa abgefragt, ob die Hundebesitzer wissen, warum ihr Vierbeiner mit dem Schwanz wedelt. Laut Experten haben die braven Herrchen und Frauchen ihre Tiere zum Test gebracht, die schwarzen Schafe nicht. „Wir hatten einen Fall, da hat derjenige seinen Hund deshalb einfach nur mehr in der Wohnung gehalten. Er hat ein Katzenklo bekommen, und das war es“, berichtet Madeleine Petrovic. Ein anderer Hundefreund kam weinend mit seinem Liebling, um ihn abzugeben. Er hat eine Jugendsünde begangen und darf seit der Gesetzesverschärfung sein Tier nicht mehr haben – eine kleine Vorstrafe führt zum Halteverbot bei bestimmten Hunderassen.

Maulkorb für Beamte

Offiziell wird in Wien zu dem Thema geschwiegen. Stadträtin Ulli Sima hat sogar ihren Beamten einen Maulkorb verpasst. Auf Weisung von oben dürfe man derzeit nichts zu dem Thema sagen, heißt es beim Veterinäramt (MA 60). Da der Hundeführschein ein Produkt der letzten Wiener Volksbefragung war und derzeit wieder eine läuft, will man offenbar nicht, dass es Berichte über diesen Fehlschlag gibt. Noch dazu stehen mehrere Wahlkämpfe ins Haus. Im Sima-Büro wird lapidar erklärt, dass es im Herbst eine Evaluierung des Hundeführscheins geben wird, dann werde man dazu etwas sagen. Als einzige Zahl wird bekannt gegeben, dass 4818 Hundebesitzer die Prüfung erfolgreich absolviert haben.

Wie viele durchgefallen sind, wird verschwiegen. „Es gibt schon Leute, die es nicht schaffen, aber vor allem ältere Menschen, die beim Auswendiglernen scheitern“, sagt Petrovic. Warum die Zahl der Bissattacken zunimmt? Die Grüne führt das auf den zunehmenden Import von Hunden aus Osteuropa zurück. Diese seien billiger, aber eben auch beißfreudiger.

Kein einziger Biss verhindert

Katja Wolf ist beim Österreichische Kynologenverband (ÖKV) zuständig für das Referat Wissenschaft und Forschung. Mit dem KURIER sprach sie über die Folgen des Hundeführscheins.

KURIER: Was ist Ihre Bilanz knapp drei Jahre nach der Einführung des Hundeführscheins?

Katja Wolf: Der große Wurf war das sicher nicht. Die meisten Bisse passieren im Privathaushalt, da hat ein Hundeführschein für die Straße eigentlich keinen Sinn. Das haben wir schon vorher gesagt, wir sind weiterhin nicht glücklich damit. Außer, dass das Thema hochgekocht wurde, hat es eigentlich wenig gebracht.

Der ÖKV führt auch die entsprechenden Prüfungen durch. Ist bisher eigentlich irgendjemand dabei durchgefallen?

Also ich habe noch keine entsprechende Rückmeldung bekommen. 100 Prozent werden es nicht schaffen, aber jeder hat ja seinen Hund gerne und bereitet sich entsprechend darauf vor. Und die schwarzen Schafe, die den Hundeführschein nicht machen sollten, haben ihn wohl nicht gemacht. Die sind woanders hin oder halten ihren Hund einfach an der Kontrolle vorbei.

Wird der Hundeführschein überhaupt kontrolliert? Hört man beim Verband dazu etwas von den Hundebesitzern?

Also einen Aufschrei gab es bisher nicht bei uns. Ich glaube, dass die Polizei ausgelastet ist und nicht in jedem Beserlpark Hunde kontrolliert. Das Problem sind ja die Mischlinge. Ein Hund, der aus American Staffordshire Terrier, Dackel und Golden Retriever besteht, muss einen Schein haben, auch wenn er vom Wesen her ein Dackel ist. Ein Polizist muss also Rassenfachmann sein. Das willkürliche Herauspicken von einzelnen Rassen bringt nichts.

Was bleibt nun übrig vom Hundeführschein?

Leute, die sogenannte Kampfhunde besitzen, haben ein Imageproblem. Fragen Sie im Tierschutzhaus, wie viele Tiere dort abgegeben werden. Dafür wurde kein einziger Biss verhindert.