Chronik | Österreich
28.04.2018

Schüler-Test: Lese-Defizite nicht nur bei Migranten

Debatte um Deutschklassen für Ausländer: Bundesländer-Vergleich zeigt Unterschiede in der Ostregion.

Die von der Bundesregierung diese Woche beschlossenen Deutschförderklassen bleiben ein bildungspolitischer Aufreger. Aktuelle Zahlen belegen jedenfalls, dass zusätzliche Sprachförderung in Schulen unumgänglich ist. Der KURIER zog nun erstmals den Bundesländervergleich. Interessantes Detail der Ergebnisse: Die deutsche Sprache bereitet nicht nur Zuwanderern Probleme – rund ein Drittel jener Schüler, die die Lesestandards der achten Schulstufe nicht erreichen, hat keinen Migrationshintergrund.

Diese Defizite sind in Wiener Mittelschulen am deutlichsten erkennbar. Dort scheiterte zuletzt fast ein Viertel aller Schüler an den vorgegeben Lesestandards (siehe Grafik). Am besten schneiden in diesem Segment die Niederösterreicher ab. Aber auch hier hat jeder siebente 14-Jährige merkbare Leseschwächen.

Erhebungen der Statistik Austria belegen, dass die Muttersprache jedes zweiten Wiener Schülers nicht Deutsch ist. Da verwundert es wenig, dass der Anteil jener Volksschulkinder, die nicht ausreichend Deutsch sprechen, um dem Unterricht folgen zu können, in der Bundeshauptstadt am größten ist. Wien liegt in diesen Untersuchungen weit über dem Österreich-Schnitt, am Ende der Liste finden sich Kärnten bzw. das Burgenland.

In der aktuellen Diskussion um die Deutschförderklassen, macht aber Niederösterreich, das im Ländervergleich deutlich besser abschneidet als Wien, den meisten Druck. Ein Blick hinter die Kulissen der Statistik zeigt warum. An jeder vierten nö. Volksschule gibt es mehr als fünf „außerordentliche Schüler“, also solche, die sprachlich nicht fähig sind, dem Unterricht zu folgen. An jeder 20. Schule im Bundesland gibt es so viele nicht-deutschsprachige Schüler, dass sie als „Brennpunkt-Schule“ geführt wird.

„Lehrer müssen ihre Energie und Zeit in Sprachvermittlung investieren. Der Unterricht für jene Kinder, die Deutsch beherrschen und unsere Umgangsformen kennen, bleibt auf der Strecke“, ist die nö. ÖVP-Bildungssprecherin Margit Göll überzeugt. „Wir aber wollen die beste Bildung für alle.“

In Wiener Neustadt, der zweitgrößten Stadt des Landes, wurde im Schuljahr 2016/2017 ein Modell getestet, bei dem Schüler mit mangelnden Deutschkenntnissen 13 Wochenstunden aus ihrem Klassenverband genommen und in speziellen Deutschklassen unterrichtet wurden. „Binnen dreier Monate konnten wir so eine Steigerung der Sprachkompetenz um bis zu 70 Prozent erreichen“, sagt Wiener Neustädter Bürgermeister Klaus Schneeberger.

Nach diesem Vorbild gibt es seit dem Sommersemester an 80 Schulstandorten quer durch Niederösterreich eigene Deutschklassen. Das Land rechnet mit Kosten von etwa drei Millionen Euro pro Schuljahr. 60 zusätzliche Pädagogen werden beschäftigt, rund 2100 Schüler besuchen den Spezialunterricht.

Laut Göll gibt es drei Varianten der Deutschklassen in NÖ: Eigene Klassen, wobei Fächer wie Musik, Sport und Werken gemeinsam besucht werden, Parallel-Unterricht mit einem zweiten Lehrer im Klassenverband oder integrativer Unterricht, wenn nur ein oder zwei Kinder mit Deutsch-Defiziten in einer Klasse sind.

Derzeit werden laut Göll Gespräche mit dem Bund geführt, wie ab dem kommenden Schuljahr das neue Modell des Bundes und das bestehende Modell in Niederösterreich zusammenfließen werden. Das vom zuständigen Minister Heinz Faßmann ( ÖVP) vorgestellte bundesweite System orientiert sich zum Teil schon jetzt am NÖ-Modell. Ab 2018/19 werden alle Kinder, denen bei der Schuleinschreibung Deutschmängel attestiert werden, einem standardisierten Test unterzogen. Ergibt dieser, dass dem Unterricht nicht ausreichend gefolgt werden kann, kommt das Kind in eine eigene Deutschförderklasse. Dort wird dann in 15 bis 20 Wochenstunden nach eigenem Lehrplan Deutsch unterrichtet – für Gegenstände wie Zeichnen, Musik oder Turnen werden die Kinder dann aber altersgemäß den normalen Regelklassen zugeteilt.

„Wer gegen Deutschklassen ist, steht der Zukunft aller Kinder im Weg“, bricht ÖVP-Landesgeschäftsführer Bernhard Ebner eine Lanze für seinen Bildungsminister. Das Modell der Deutschförderklassen auf ganz Österreich zu übertragen, sei der richtige Weg. Im Nachbarbundesland Wien erwartet Ebner nach dem Wechsel an der Stadtspitze eine Trendwende: „Wir gehen davon aus, dass der neue Bürgermeister Michael Ludwig die Situation erkennt und eine Kursänderung herbeiführt.“

Schulflucht

Dass sich Niederösterreich Sorgen um die Bundeshauptstadt macht, dürfte aber eher Eigeninteressen geschuldet sein: Bürgermeister aus dem Wiener Umland berichten von immer mehr Wiener Kindern, die von ihren Eltern bei Verwandten „am Land“ angemeldet würden, um hier die Schule besuchen zu können. Vor allem kleinere Gemeinden seien von dem Phänomen betroffen.

„Es stimmt, das kommt immer häufiger vor“, berichtet ein Stadtchef, der aber nicht genannt werden will. Wohl auch deshalb, weil die Bildungsmanager der betroffenen Regionen – noch – Stillschweigen wahren.