Chronik | Österreich
11.08.2018

Leben, wie die Ministerin es sich vorstellt

Der Selbstversuch zeigt, dass man überleben kann. Gelitten hat vor allem die Psyche.

Sozialministerin Beate Hartinger-Klein hat mit der Aussage, dass man von 150 Euro im Monat leben könne, das Sommerloch gefüllt. Um darüber authentisch berichten zu können, halte ich es für angebracht, mich in eine ähnliche Situation zu bringen. Für eine Woche stehen mir deshalb 34 Euro zur Verfügung.

Gleich vorab: Natürlich kann man nach so kurzer Zeit nicht nachempfinden, wie sich das Leben am Minimum wirklich anfühlt. Es ermöglicht aber einen besseren Blick auf die Situation armer Menschen in Österreich.

Am ersten Tag erkundige ich mich über Möglichkeiten, wie mit wenig Geld über die Runden zu kommen ist (siehe Zusatzbericht). Der Gang führt mich zum Sozialmarkt (Soma). Weil ich nicht wirklich Mindestsicherung beziehe, habe ich dort nicht eingekauft, sondern Produkte, die es dort gibt, später im Diskonter besorgt. Laut Geschäftsleiter Peter Kohls sind die Lebensmittel im Soma zirka halb so teuer wie in Supermärkten. Die Kunden versichern, dass sie glücklich über das Angebot sind. Den eigenen Namen will aber niemand in der Zeitung lesen. Der spätere Einkauf bei einem bekannten Diskonter kommt auf 17,05 Euro. Make-up ist leider nicht drin – das kratzt am Selbstbewusstsein. Waschpulver geht sich ebenfalls nicht aus. Ich wasche meine Kleidung mit der Hand und Shampoo.

Mein letzter Luxus

Obwohl ich weiß, dass es ungesund ist, rauche ich. Daher: 13 Euro für Zigarettenpapier, Filter und Tabak. Als ich meinen Selbstversuch und die Einkaufsliste auf Facebook veröffentliche, brechen schnell Diskussionen los: Rauchen muss doch nicht sein. Damit haben die User recht. Aber eine Sucht genau in der Situation zu bekämpfen, in der man sowieso schon am Minimum lebt, ist keine Option. Man möge mir bitte meinen letzten Luxus lassen.

Hätte ich tatsächlich im Soma eingekauft, wären die Lebensmittel etwa halb so teuer gewesen. Damit blieben 12,50 Euro übrig, um zum Beispiel Fleisch zu kaufen. Zur Ablenkung auszugehen erscheint im Moment aber sinnvoller. In der Arena Wien ist gerade Bierwoche mit gratis Eintritt. Für zwei Bier bezahle ich fünf Euro. Am Tag darauf gehe ich ins Freibad. Das würde mit der Bäderlegitimationskarte 4,40 Euro kosten. Ein Getränk schlägt mit 1,80 Euro zu buche. Ich bringe zwei herrenlose Pfandflaschen zurück und kann mir noch ein zweites Getränk leisten.

Alternativ wäre ein Bad in der Neuen Donau sogar gratis. Um dort hinzukommen, würde ich mit der U-Bahn fahren – und zwar schwarz. Keine Sorge, liebe Wiener Linien, ich habe eine Jahreskarte. Wäre dem aber nicht so, hätte ich nicht gezögert, es darauf ankommen zu lassen. Die 18 Euro für ein vergünstigtes Monatsticket sind bei 150 Euro Budget einfach nicht drinnen. Außerdem ist ohnehin schon alles schwer genug und es wird sowieso nie kontrolliert – hoffentlich. Nach drei Tagen ist der Punkt erreicht, an dem Pfuschen eine Überlegung ist. Putzen oder Arbeit im Garten – ich wäre im Moment für so manches zu haben.

Natürlich wollen mir Freunde in dieser Woche helfen. Das lasse ich aber nicht zu, denn das wäre als armer Mensch anders. Vielleicht wird man ein oder zwei Mal zu einer Geburtstagsfeier eingeladen, obwohl man kein Geschenk gekauft hat. Beim dritten oder vierten Mal muss die Freundschaft schon sehr groß sein.

Fazit

Mein Fazit: Ja, man kann mit 34 Euro in der Woche überleben. Sehr opulent war das Essen nicht, dafür aber überraschend ausgewogen. Zum Glück wurde ich nicht krank, denn Medizin ohne Rezept wäre zu teuer. Beeindruckend: die vielen Hilfsangebote in Wien. Am Land stelle ich mir das Leben von 150 Euro schwieriger vor. Da bräuchte ich schon ein Auto, nur um zu einem Diskonter zu kommen. Das größte Problem war aber die Psyche. Ich konnte kein vollwertiger Teil der Gesellschaft sein. Jeder Tag musste genau durchgeplant werden. Einfach spontan handeln war nicht möglich, und so bekam das Wort „lebenswert“ eine wichtige Bedeutung. Denn alles, was materiellen Wert hat, konnte ich mir nicht leisten.

Unterstützungsangebote der Behörden

Mobilpass: Die MA 40 ermöglicht damit  Ermäßigungen bei den  Wiener Linien, den Büchereien, Bädern und den Volkshochschulen. Bezieher von Mindestsicherung und Mietbeihilfe bekommen den Pass automatisch zugesandt. Eine Bezuschussung der Hundeabgabe von 50 Prozent  für  einen Hund ist auch möglich.


Fernsprechentgelt-Zuschuss:Damit wird eine Befreiung von den GIS-Gebühren ermöglicht. Außerdem gibt es soziale Tarife bei Netzanbietern.

Kulturpass:Der Pass ermöglicht  kostenlose Besuche von ausgewählten   Kulturangeboten und Museen.

Hilfsangebote gegen Ausgrenzung

Die Sozialarbeiter der Fachstelle für Wohnungssicherung (FAWOS) der Volkshilfe Wien haben täglich mit Menschen zu tun, die mit dem absoluten Minimum auskommen müssen. Ihre Klienten leben größtenteils von Notstandshilfe oder Mindestsicherung. Obwohl es in Wien viele Angebote gibt, um trotz Armut am Leben teilhaben zu können, ist es schwierig: „Es gibt sehr viele verschiedene Stellen. Da muss man erst den Durchblick haben, wo man sich was organisieren kann. Es gleicht einem Fulltime-Job “, sagt Sozialarbeiter Alexander Tischina. Die Angst vor sozialer Ausgrenzung führe oft zu Problemen: „Eine Klientin ist mit ihren Kindern in einen Vergnügungspark gefahren und konnte daher die Miete nicht bezahlen. Das ist einfach der Versuch,  am Leben teilhaben zu können.“


Ausgegrenzt fühlen sich auch viele Kunden im Sozialmarkt  in der Neustiftgasse.   Um dort einkaufen zu können,  darf das Einkommen 1015 Euro 14-mal im Jahr nicht überschreiten. In einer Ecke des Geschäfts gibt es  auch  Bücher und Kleidung für sehr wenig Geld. Die Waren sind Spenden und  stammen etwa aus Überproduktionen.   Im vorderen Bereich des Geschäfts wurde ein Kaffeehaus eingerichtet: „Die Melange kostet zehn Cent. Es ist wichtig, solche Möglichkeiten zur Kommunikation zu schaffen“, sagt Roswitha Kikowsky vom Hilfswerk. 

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