Chronik | Österreich
05.01.2019

Lawinengefahr: Hunderte Menschen in Dörfern eingeschlossen

In der Steiermark sind mehrere Orte von der Außenwelt abgeschnitten, erstes Lawinenopfer in Salzburg.

„Unten im Ort geht’s, aber oben am Berg, da holt dich der Teufel. Da sieht man keine zehn Meter weit. Und wegen dem Wind ist es, als würde man Karussell fahren“, beschreibt Andreas Wiener, „Schnitz“ genannt, die Situation auf der Planneralm in der Steiermark am Samstag.

Mehrere Ortschaften waren teils seit Freitag eingeschneit, Straßen wegen der hohen Lawinengefahr der Warnstufe 4 gesperrt. In der Ortschaft St. Johann am Tauern in der Gemeinde Pölstal mussten am Nachmittag 14 Häuser evakuiert werden. Die Menschen wurden  in Notunterkünften untergebracht. Insgesamt 1200 Menschen mussten in ihren Häusern ausharren und auf ein Ende des starken Schneefalls hoffen, der Lawineneinsatztrupp des Bundesheers stand auch am Wochenende in Bereitschaft.

Zumindest für die Eingeschlossenen auf der Planneralm gab es am Vormittag Entwarnung: Die Straßen wurden vorübergehend geöffnet, um 400 eingeschlossenen Touristen die Abreise zu ermöglichen. „Weil es sonst wahrscheinlich  bis Dienstag keine Möglichkeit mehr dazu gibt“, erzählt Wiener, der seit 25 Jahren bei der Liftkassa arbeitet. Die Menschen hätten ihre Autos ausgebuddelt, zwei Busse waren gekommen, um Urlauber abzuholen. Ab 11 Uhr wurden sie dann in einem Konvoi ins Tal geleitet. Danach wurden die Schranken gesperrt und es gab kein rauf- oder runterkommen mehr. „Der Rest bleibt oben, auf der Alm ist es fast idyllisch. Ich hab mein Packerl mit Gewand und Essen geschnürt und harre aus“, sagt Wiener. Während er erzählt, kauft eine Ungarin eine Tageskarte. Rund 30 bis 40 Skifahrer seien trotz der Umstände  auf der Piste unterwegs.

Aufruf: Daheim bleiben

Der starke Wind und stärker werdende Schneefälle machten im Laufe des Samstags jede Hoffnung auf rasche Entspannung zunichte. Bereits am Vormittag musste die Ennstal Straße gesperrt werden. In Hohentauern sind seit Samstagnachmittag 550 Menschen eingeschlossen. Die Orte Hinterwildalpen, Wildalpen und Weichselboden sowie Johnsbach und Gstatterboden  und das Sölktal waren  nicht erreichbar. Im Sölktal sind seit Freitag 480 Menschen eingeschneit. Erkundungs- oder Versorgungsflüge sowie Lawinensprengungen waren wegen des schlechten Wetters nicht möglich. Am Sonntag soll sich die Lage entspannen. „Wir hoffen, dass wir Flugwetter für die Befliegung der Region haben“, sagt Günter Hohenberger, Leiter der Landeswarnzentrale. Die Betroffenen wurden aufgerufen, zu Hause zu bleiben. Sie müssen vorerst ohne medizinische Versorgung ausharren, lediglich im Sölktal stellte diese das Rote Kreuz, Bergrettung und Feuerwehr sicher.

Letztere war auch mit Transporten und der Trinkwasserversorgung beschäftigt, da eine Hauptwasserleitung defekt war.


Ähnlich dramatisch zeigte sich die Situation in den Bundesländern. In Salzburg, wo 2000 Bergretter bereit stehen, wurden Bewohner der Gemeinde St. Koloman wegen der Gefahr von spontanen  Lawinenabgängen aufgerufen,  in den Häusern zu bleiben. Am Nachmittag wurde bei einem Lawinenabgang in Zell am See ein Skitourengeher verschüttet. Er konnte unverletzt geborgen werden.
In Tirol, wo ab Samstagmittag der Schneefall noch einmal zunahm, war der Innsbrucker Flughafen ab 8.30 Uhr weitgehend gesperrt. Flughafensprecher Patrick Dierich sprach von einer „Ausnahmesituation“.

Im ganzen Land standen Feuerwehrleute im Dauereinsatz, schaufelten Dächer frei und bargen Unfallfahrzeuge. Allein in NÖ waren 1100 Freiwillige am Samstag im Einsatz. 90 Unfälle ereigneten sich, ein Autoinsasse starb bei einer Kollision in Marchegg. Der Urlauberrückreiseverkehr, wetterbedingte Straßensperren  und hängen gebliebene Fahrzeuge verschärften die Situation.
In Oberösterreich hatten in der Nacht auf Samstag Scherzbolde einen Schneemann auf die Bahngleise gebaut. Der Lokführer dachte, er habe einen Menschen überfahren, die Bahntrasse wurde für 45 Minuten gesperrt.

Lawinenwarnstufe 4 in weiten Teilen des Landes

Starker Schneefall noch bis Sonntagmittag, Lawinen können auch spontan ohne Verschulden abgehen

Die Lawinengefahr blieb am Samstag weiterhin angespannt. Am Sonntag soll sie weiträumig die Stufe 4 der fünfstelligen Skala erreichen. In den Nordalpen und Tauern war dies bereits der Fall. Der Lawineneinsatztrupp  des Bundesheeres befindet sich nach wie vor in Bereitschaft. 

Die Meteorologen erwarten bis Sonntagfrüh „erhebliche Neuschneemengen“, hieß es in den Lawinenwarndiensten von Tirol und Vorarlberg am Samstag. Anzahl und Umfang der Gefahrenstellen werden in Vorarlberg mit der Höhe und im Tagesverlauf  zunehmen, wo die Prognose für Sonntag allgemein Lawinenwarnstufe 4 lautete. Rudi Mair, Leiter des Lawinenwarndienstes Tirol, sagte, es werde  wohl keine rasche Entspannung geben. Bis zu einen dreiviertel Meter Neuschnee wurde am Samstag erwartet. In weiten Teilen des Bundeslandes gilt bereits eine „angespannte Stufe 4“, auf 5 dürfte sie jedoch nicht angehoben werden, betont Mair.

Der starke Schneefall, der extreme Nord- bzw. Nordwestwind mit Schneeverfrachtungen sowie die tiefen Temperaturen würden zwangsläufig eine hohe Lawinengefahr ergeben.
Mehr NeuschneeIn Salzburg rechnet man mit  50 bis 100 Zentimeter Neuschnee bis Sonntagvormittag. „Es wird von Experten damit gerechnet, dass es mittlere bis große Lawinenabgänge bis in Tallagen geben wird“, sagt Franz Wieser, Pressesprecher des Landes Salzburg. „Das Problem ist der kalte, pulvrige Schnee, der in den letzten Tagen gefallen ist“, fährt er fort.  Seit Samstagfrüh falle schwerer Schnee drauf. Die Schicht der letzten Tage sei eine Rutschbahn für diesen schweren Schnee.

„Es braucht nicht einmal ein auslösendes Momentum, wie Skifahrer, für eine Lawine. Sie können auch spontan, ohne Verschulden abgehen“, sagt Wieser ergänzend. Laut dem Lawinenlagebericht für die Steiermark kann es auch in tiefen Lagen zu kleinen bis mittelgroßen Lawinen kommen, die sich aus steilen Straßenböschungen und Talbereichen lösen. Auch hier ist noch bis Sonntagmittag mit intensivem Schneefall zu rechnen, die Lawinengefahr kann daher auch in diesem Bundesland noch weiter steigen.