Chronik | Österreich | Landlust
10.04.2017

Altes Handwerk belebt Ort neu

Wildon will die Autofahrer einbremsen, damit sie anhalten und gustieren.

Der jüngste Unternehmer Wildons ist 57 Jahre. Johann Steiner schmunzelt selbst darüber und doch: Im Vorjahr wagte sich der Steirer in die Selbstständigkeit, erstmals. Somit gilt Steiner als Jungunternehmer. Am Unteren Markt, der Hauptstraße, hat der Uhrmachermeister seine Geschäftszelte aufgeschlagen , dort verkauft und repariert er seither Uhren.

Der Untere Markt Wildons ist aber kein ruhiges Pflaster, vor allem in der Früh und am späten Nachmittag nicht: 9500 bis 9800 Kfz sind dort täglich insgesamt unterwegs. "Die Leut’ aus dem Raum Feldbach fahren zur Arbeit nach Graz", begründet SPÖ-Bürgermeister Helmut Walch. "Der direkte Weg zur Autobahn führt halt durch den Ort."

Doch statt auf eine Umfahrung zu hoffen, die zig Millionen Euro kosten würde, setzt die steirische Marktgemeinde auf Verkehrsberuhigung: Die Kfz-Lenker sollen von 50 auf 30 km/h eingebremst werden, das Straßenstück zur bunt bemalten "Begegnungszone" werden. Die Hoffnung dahinter: Mehr Lebensqualität für die mehr als 5000 Einwohner, aber auch mehr potenzielle Kunden für die Wirtschaftstreibenden.

Traum vom Schuster

"Es wird schon sehr achtlos durchgefahren", überlegt Gold- und Silberschmiedemeisterin Franziska Jahrbacher, die ein paar Meter von Uhrmachermeister Steiner entfernt Schmuckstücke kreiert. "Mehr Achtsamkeit der Leute, die hier nur durchfahren, wäre schon schön." Bis Jahresende hofft Bürgermeister Walch, die Begegnungszone umgesetzt zu haben. 150.000 Euro sind dafür im Budget schon reserviert. "Wir hoffen natürlich, so das eine oder andere Geschäft zurückzubringen. Mein Traum wär’ ja noch ein Schuster und ein Schneider."

Altes Handwerk, heute oftmals schon selten zu finden: "Mitten im Markt magst nur Nischen erhalten", betont Walch, der stolz darauf ist, übrigens auch einen Post-Shop im Ortskern gehalten zu haben. Zwei "Tauschläden" gibt es mittlerweile, in denen Kleidung und Schuhe einfach abgegeben und (kostenlos) abgeholt werden können. Das war eines jener Projekte, leerstehende Geschäftsflächen sinnvoll zu füllen.

Für alle, die wenig Geld haben, geben die lokalen Geschäfte Lebensmittel gratis ab, sie sind zwei Mal wöchentlich bei der Kirche parat. Stolz ist Walch auch, den "Zwergerltreff" von Eltern mit ihren Babys von der Peripherie in die Mitte der Gemeinde geholt zu haben.

Babyboom

Apropos Babys: Wildon ist eine stark wachsende Gemeinde. "Wir kriegen pro Jahr 50 Kinder", schmunzelt der Ortschef. Der Kindergarten hat sechs Gruppen und derzeit 147 Schützlinge. Wildon gilt als Zuzugsgemeinde, denn hier lässt es sich gut leben: Nahe an Graz und Leibnitz, viel Angebot an Kultur, so sind etwa die Veranstaltungsräume im Schloss Wildon kostenlos zu haben.

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