Chronik | Österreich
18.02.2018

Kraftakt an der Mur

Vor einem Jahr begannen die Bauarbeiten für weitere Staustufe begleitet von Protesten.

Februar 2017. Am Murufer im Süden von Graz fallen die ersten Bäume. Aktivisten klettern vermummt auf Bagger und legen die Baustelle lahm. Am Murufer entsteht ein "Protestcamp": Trotz der Kälte harren ein paar Dutzend Projektgegner dort in Zelten aus und demonstrieren so, dass sie mit dem weiteren Wasserkraftwerk nicht einverstanden sind.

Februar 2018. "Wir verbauen hier 35.000 Kubikmeter Beton", schildert Projektleiter Hans Lampl. Das Krafthaus entsteht links von ihm, rechts die Wehranlage. "Die werden stückweise hochgezogen, auch die Rohre für die Turbinen werden schon gelegt." Oberhalb der Baustelle führt ein Rad- und Gehweg vorbei, der Zugang zum Gelände ist nicht abgesperrt, allerdings beobachtet von einem Wachmann.

Das Bild der Kraftwerks-Baustelle hat sich innerhalb dieses einen Jahres gewandelt, nicht nur, weil die Mur umgeleitet wurde. Ihr Flussbett musste trockengelegt werden, damit darin gebaut werden kann. Proteste gegen die Staustufe direkt vor Ort blieben zuletzt aus. "Natürlich gibt es aktionistische Einzelaktionen", sagt Urs Harnik-Lauris, Sprecher des Bauherrn Energie Steiermark (ESTAG). "Die verursachen natürlich Kosten und treffen die Baufirmen. Aber für die Baustelle tut das nichts zur Sache." Man liege im Zeitplan: Mitte 2019 soll das Kraftwerk Strom liefern. Bis zu 20.000 Haushalte könnten damit versorgt werden.

Höchstgericht urteilt

Die Proteste mögen weniger sichtbar sein, aber es gibt sie noch. So bekämpfen die Betreiber des " Protestcamps" dessen Räumung seit Juli 2017 vor Gericht. Als Etappensieg verbuchen sie eine Entscheidung des Landesverwaltungsgerichts: Es meldete Zweifel an, dass die Räumung zu dem Zeitpunkt rechtmäßig war, gab den Fall aber weiter an den Verfassungsgerichtshof. Dessen Erkenntnis steht aus und soll im Lauf dieses Jahres folgen.

Am Bau selbst ändert das freilich nichts mehr. 18 Meter tief ist die Baugrube, die nicht nur die derzeit dort beschäftigten 50 Arbeiter betreten dürfen, sondern bei Führungen auch Besucher. Das ist schon etwas Besonderes, stehen sie doch auf dem Grund des Flussbettes und einige Meter unterhalb der umgeleiteten Mur. Pro Woche gibt es zwei Führungen. "Manche Leute wollen die Baustelle an sich sehen, manche wieder die Ökomaßnahmen", beschreibt Harnik-Lauris.

Die sind umfangreich. Ökologin Sara Weiß ließ mehrere Höhlen für Fischotter an der Böschung errichten. Südlich der Stadt werden 4000 Bäume aufgeforstet, die im Überschwemmungsgebiet liegen und dadurch Auwald werden sollen. Die Beleuchtung ist dank spezieller LED-Lampen insektenfreundlich, im Frühjahr sollen Wildkameras festhalten, welche Tiere sich auf der Baustelle tummeln. Feldhasen jedenfalls waren schon da, das zeigten ihre Spuren im Schnee.