Chronik | Österreich
04.08.2018

Klimawandel und Wein: "3,5 Grad mehr wären eine Tragödie“

Willi Bründlmayer über Klimawandel, Stress für Reben, Lob für die Politik und veganen Wein

KURIER: Wird 2018 ein guter Jahrgang?

Willi Bründlmayer: 2018 wird jedenfalls der früheste Jahrgang und der wärmste in meiner fast 40-jährigen Laufbahn. Er wird extrem spannend, vor allem für Weinliebhaber von reifen Trauben. Wir werden in der letzten Augustwoche die erste Charge ernten, wenn es das Wetter erlaubt. Früher haben wir mit der Lese Ende September begonnen.

Die Wetterkapriolen haben Sie bereits vor vielen Jahren thematisiert. Sie sprachen nicht von Klimawandel, sondern von Klimakatastrophen. Wie würden Sie die Witterungsverhältnisse jetzt beschreiben?

Als Winzer muss ich Gott sei Dank nur vom Klimawandel sprechen, in unserem allerengsten Kreis kann eine Katastrophe noch abgewendet werden. Das Kamptal war früher ein sehr kühles Anbaugebiet und wird jetzt deutlich besser geeignet für kräftige Weine, auch Rotweine. Wir müssen uns aber an die neuen Bedingungen flexibel anpassen.

 

Das heißt, Sie müssen zusätzlich bewässern?

Ja, und ich muss an dieser Stelle einmal die Politik loben. Das Land Niederösterreich hat schon 1992 zur Rettung der Terrassenlandschaft im Kamptal, im Kremstal und in der Wachau Tröpfchenbewässerungsanlagen genehmigt und unterstützt. Den Winzern wurde je ein Experte des Landes zur Seite gestellt, um bei den komplexen rechtlichen und technischen Abwicklungen zu helfen. So wurde sichergestellt, dass die vom Verschwinden bedrohten Weinterrassen gemeinschaftlich erhalten werden konnten.

Tut die Regierung ihrer Meinung nach genug in puncto Klimaschutz?

Österreich hat den Klimavertrag von Paris unterschrieben und ich hoffe, dass die dort gesetzten Ziele erreicht werden. Österreich hat schon vor vielen Jahren ein Programm für umweltgerechte Landwirtschaft gestartet, das unter anderem Begrünung und Erosionsschutz fördert. Durch viele Jahrzehnte sinnvoller Arbeit in der Landwirtschaft sind wir recht gut aufgestellt, um mit aktuellen Problemen zurechtzukommen.

Zurück zur Tröpfchenbewässerung – wie hat sich ein Laie diese vorzustellen?

Regnet es zu wenig und besteht Gefahr für die Weinreben, kann die Tröpfchenbewässerung dafür sorgen, dass die Wurzel des Rebstocks, die etliche Meter tief in Erde und Fels stecken kann, bewässert wird. Durch langsames, stundenlanges Tropfen sickert das Wasser bis zu den Rebwurzeln, ohne dass oberflächlich etwas verloren geht. Diese Anlagen haben beispielsweise 2003 (Rekordsommer mit bis zu fünf Grad Celsius über den Normalwerten) unsere Terrassenweingärten gerettet und retten uns immer häufiger. Die Klimaveränderung bedeutet nicht nur, dass es immer wärmer wird. Wenn es regnet, regnet es immer häufiger brutal stark in kurzer Zeit. Da ist zu befürchten, dass die Terrassen und der Boden weggeschwemmt werden. Durch die Möglichkeit der Bewässerung aber können wir den Boden artenreich begrünen, die Wurzeln von Gras, Klee und vielen anderen Pflanzen halten den Boden fest und lassen das Wasser besser versickern. Gleichzeitig kühlt das Grün den Boden besser, als der offene Erdboden es tut. Die Begrünung bedeutet gleichzeitig Konkurrenz und einen gewissen Stress für die Weinreben, aber ein bisschen Stress tut der Pflanze auch gut und letzten Endes können die Winzer mit der Tröpfchenbewässerung rettend eingreifen.

Wie reagiert eine Rebe auf Stress?

Mit Bitterkeit. Die Schalen der Trauben werden bitter. Das kann man bei Rotweinsorten als Eigenschaft einbauen, aber nicht bei unserem traditionellen Grünen Veltliner und Riesling. Wir müssen immer schauen, dass wir im Bereich des moderaten Stresses bleiben, unsere Reben sind da nicht viel anders als wir Menschen.

Ändern sich die Eigenschaften des Weins durch die Temperaturen? Schmeckt er anders?

Grundsätzlich ja, aber wir halten dagegen. Wir ernten früher, denn andernfalls würden wir viel stärkere Weine erhalten, 14 Volumenprozent und mehr. Speziell beim Weißwein muss man den richtigen Zeitpunkt erwischen zwischen Vollreife und knackiger Frische. Wir haben sogar den Vorteil, dass wir im Gegensatz zu früheren Jahrzehnten nie übermäßig sauren Wein haben. Die Trauben werden immer reif. Reifer heißt aber nicht automatisch besser. Heute ist es noch wichtiger, das richtige Maß zwischen Reife und Frische zu finden, damit der Wein nicht zu breit oder zu schwer wird.

3,5 Grad Celsius plus im Vergleich zur vorindustriellen Zeit sagt der UNO-Weltklimarat an Erderwärmung bis Ende des Jahrhunderts voraus. Können Sie mit einem derartigen Temperaturanstieg noch umgehen?

Nein, zusätzlich 3,5 Grad wären mit unseren aktuellen Sorten nicht zu bewältigen, das wäre eine Tragödie. Unser Grüner Veltliner würde seine typische Würzigkeit verlieren. Vollkommen traurig werde ich, wenn ich an den Mittelmeerraum denke, weil ganze Landschaften verkarsten und versteppen würden. Wir hätten bei uns noch die Chance, aus dem Süden zu lernen und andere Sorten anzupflanzen. Im Kamptal sind wir noch nicht am Ende der Fahnenstange angekommen. Wir werden uns vielleicht mit unseren traditionellen Sorten weiter bergwärts bewegen müssen, in kühlere Lagen. Der Weinbau in Niederösterreich wird, das wage ich zu prognostizieren, erhalten bleiben. Wir haben bereits jetzt hohe Temperaturunterschiede zwischen dem nördlichen und südlichen Waldviertel, doch es erfordert, wie bereits gesagt, wahnsinnig viel Anpassungsarbeit.

3,5 Grad Celsius mehr würde für das Kamptal praktisch was bedeuten?

Je ein Grad übersetzt sich in je zwei Wochen frühere Reife. Bei 3,5 Grad wären wir bei einer Lese im Juli und nicht August. Bei derart kurzer Vegetationszeit würden die typischen Aromen verloren gehen, gewisse Weine gäbe es einfach nicht mehr. Je heißer es wird, desto einfacher gestrickt ist der Wein. Die besten Weine sind jene aus den moderat kühlen Klimazonen. Wein braucht ausreichend Wärme aber auch genug Frische, damit er nicht einfältig wird – sonst wird der Wein vom Genuss- zum Lebensmittel.

Sind Schädlinge durch die geänderten Witterungsverhältnisse ein Thema?

Leider ja. Wir haben derzeit noch das Glück, dass durch kalte Winter zahlreichen Schädlingen der Garaus gemacht wird. Das ändert sich durch die Erwärmung der Wintermonate. Wir sind dazu übergegangen, einen sogenannten sanften Rebschnitt zu machen, um der Rebe nur kleine Wunden zuzufügen. Das heißt, dass die Eintrittspforten für Infektionen mit neuen Pilzerkrankungen sehr klein sind. Brutale Schläge auf die Rebe, wie sie beispielsweise bei der maschinellen Lese passieren, verursachen Mikrowunden, die die Lebensdauer der Rebe beeinträchtigen. Hier geht es auch darum, altes, gefährdetes Kulturgut zu bewahren.

Sie lesen ausschließlich per Hand?

Ja, dadurch erhalten wir die Gesundheit der Weingärten und sichern die Qualität des Weins. Auch sonst wird in vielen Arbeitsschritten über das Jahr die schonende Handarbeit einer brutalen Maschinenarbeit vorgezogen.

Manche ihrer Kollegen werben seit geraumer Zeit mit veganem Wein. Was wäre sonst das Tierische am Wein?

Alle unsere Weine sind vegan, so wie der Großteil aller österreichischen handgelesenen Weine vegan ist, ohne dass es extra ausgelobt wird. Bei traditionellen feinen Rotweinen rührte man zwei bis drei Eiklar in das kleine Weinfass. Das Eiklar reagiert mit überschüssigem Gerbstoff, flockt aus und setzt sich am Boden ab. Beim Dekantieren wird dann das Eiklar mit abgezogen. Auf Eiklar kann beim Rotwein ganz einfach verzichtet werden, der Wein schmeckt dann geringfügig rauer, ist aber vegan. Mich persönlich würde eine traditionelle Eiklarschönung aber nicht im Geringsten davon abhalten, einen feinen Rotwein zu genießen.

Zur Person: Willi Bründlmayer (*1952) übernahm das Weingut in Langenlois in den 1980ern von seinem Vater. Heute führt er das mehrfach ausgezeichnete Weingut (erster „Falstaff - Winzer des Jahres“, erster Träger der „Trophée Gourmet“) mit Frau Edwige und Sohn Vincent. Die „ Financial Times“ bezeichnete ihn  als „Leuchtfeuer für den österreichischen Weinbau“. Auf einer Fläche von 80 Hektar wachsen in Langenlois Grüner Veltliner, Riesling, Pinot Noir,  St. Laurent, Zweigelt, Chardonnay und Pinot Gris – mit einem Durchschnittsertrag von 4000 Liter pro Hektar