Chronik | Österreich
12.04.2018

Sex und Gewalt im Internet - Wie Reden hilft

Studie: Jeder vierte Jugendliche ist im Netz schon einmal sexuell belästigt worden, jeder zehnte wurde erpresst.

„Wir müssen mehr über Sex reden.“ Das ist für Raphaela Kohout  nach dem Auswerten ihrer Studie klar.  Die 35-Jährige hat im Auftrag von „SOS Kinderdorf“ und „Rat auf Draht“ die erste große Studie des  Landes  zum Thema „Sexuelle Belästigung im Internet und Cyber-Grooming “ (die verbotene Online-Anbahnung von Sexualkontakten  mit Kindern und Jugendlichen, Anm.)  betreut. 400 Mädchen und Burschen  zwischen elf und 18 Jahren wurden  im ersten Quartal  dieses Jahres dazu befragt.

Das Ergebnis: Mehr als jeder vierte Jugendliche hat sexuelle Belästigung im Netz zumindest schon einmal erlebt.  Mädchen sind zudem drei Mal häufiger betroffen. Von ihnen gaben  40 Prozent an, schon einmal belästigt worden zu sein. Bei den Burschen sind es 15 Prozent. 

Die Erlebnisse reichen von unangenehmen sexuellen Fragen bis hin zu eindeutigem sexuellen Missbrauch. Sehr häufig wurden Nacktfotos an die  Kinder und Jugendliche verschickt, oder die Jugendlichen  wurden aufgefordert, selbst  sogenannte „Nudes“ zu verschicken. Im Großteil der Fälle passierte die Belästigung durch eine fremde Person oder jemanden, den die Teenager nur über das Internet kannten.

Knapp zehn Prozent  der Jugendlichen wurden zudem schon einmal  erpresst – etwa, indem angedroht wurde,  dass die Nacktfotos an Eltern oder Freunde weitergeleitet werden, wenn sie nicht weitere Bilder schickten. Oft begleitet die Sorge der Veröffentlichung  die Teenager noch viele Jahre.

Chatroulette

In einem  der  Tiefeninterviews erzählte die heute 17-jährige Lena, dass  sie als Zwölfjährige regelmäßig zusah, wie ältere Männer im Chat vor ihr masturbierten und diese sahen wiederum zu, wie sie sich vor der Kamera selbst befriedigte. Nun hat sie Angst, dass die Videos aus dem Chat-Roulette auftauchen könnten. „Da war ich halt zwölf, hab nicht daran gedacht.“  Sie habe die Aufmerksamkeit gesucht, die Konsequenzen waren ihr damals nicht bewusst

Auslöser der Studie war die Entwicklung der Anrufe beim Kinder-Notruf „Rat auf Draht“.  In den vergangen drei Jahren sind die Anfragen zum  Thema „Soziale Medien“  um 50 Prozent gestiegen.  Ein Drittel dieser Gespräche drehen sich um  Gewalt im Internet oder sexuelle Belästigung.    Bei Fragen in diesem Bereich  melden sich die Teenager besonders häufig per Chat, weiß „Rat auf Draht“-Psychologin Elke Prochazka. Das  zeige, wie unangenehm den Jugendlichen das Thema noch  immer  ist.  Beim Chatten  ist das Kommunizieren anonymer, man verrät sich nicht über die Stimme, kann das Geschlecht wechseln.  „Vor allem bei Burschen ist die Scham oft noch sehr groß. Viele brauchen sehr lange, um sich überhaupt einmal einzugestehen, dass ihnen sexuelle Belästigung widerfahren ist.“

Selbsthilfe

Weil das Thema vielen eben so  unangenehm ist, helfen sich die meisten lieber selbst, bevor sie mit anderen sprechen. Sie blockieren die Person, die sie belästigt, melden sie  dem Seitenbetreiber oder ändern  ihre  Privatsphäre-Einstellungen. Erst an vierter Stelle nannten die Befragten, sich an Eltern oder Erziehungsberechtigte  zu  wenden.
 Traurig findet Studienleiterin Raphaela Kohout, wie sehr das Thema Belästigung für die Jugendlichen zum Alltag gehört: „Zum Teil haben sich die Jugendlichen bereits damit abgefunden. Sie fühlen sich ohnmächtig und glauben, dass man nichts dagegen machen kann, oder dass sie selbst schuld sind.“

Es gibt jedenfalls  genug  Aufklärungsbedarf.  Nur ein Drittel der Jugendlichen gab an, über die Gefahren von sexueller Belästigung aufgeklärt worden zu sein. Mehr als die Hälfte der Teenager wussten nicht, dass Cyber-Grooming in Österreich strafbar ist, wenn die belästigte Person jünger als 14 Jahre ist. 

Dabei ist der Wunsch, sich besser auszukennen, unter den Jugendlichen groß. Knapp 80 Prozent der Befragten  wären gerne  besser informiert  – die meisten gaben an, dass die Aufklärung  in der Schule passieren soll. „Es hilft nichts, allgemeine Anweisungen zu geben“, meinte Kohout dazu.  „Die Aufklärung muss konkret und praxisnah sein.“

Und: „Wir müssen ganz von vorne beginnen“, ergänzt Elke Prochazka. „Wenn Jugendliche uns erzählen, dass sie oft gar nicht wussten, ob sie das jetzt eigentlich wollten oder nicht, dann liegt noch viel Arbeit vor uns. Dann müssen die Teenager erst einmal lernen, auf ihre Gefühle zu vertrauen.“