Erschossen, attackiert, bedroht: Hunde im Visier
Bailey hatte ein blaues und ein braunes Auge, sie wurde vier Jahre alt.
"Bei Finsternis mag ich nicht rausgehen, ich habe Angst. Aus dem Fenster schaue ich nicht gerne, ich sehe genau zu jener Stelle hin, wo es passiert ist. Und die Nächte sind unruhig, Gedanken und Bilder kommen immer wieder – egal, wie sehr wir versuchen, zur Ruhe zu kommen.“
Mehr als ein Monat ist es nun her, dass die Hündin von Alina Prinz und Michael Gastgeber von einem Jäger erschossen wurde. Seitdem trauert das junge Paar aus St. Marein im Mürztal, Steiermark, um Bailey. Aber nicht nur sie leiden, auch der zweite Hund des Paares, Johnny, vermisst seine Spielgefährtin offensichtlich: „Johnny trauert, er wirkt viel müder, er schläft viel, dann ist er wieder total unruhig, das war er früher nie.“
Am Abend des 13. Jänner dreht die 24-Jährige eine Runde mit den beiden Hunden. Zurück am Hof lässt Prinz die Tiere von der Leine und wirft ihnen einen Ball zu. Kurz dreht sie sich um zum Heulager, weil sie etwas nachschauen will.
Ein Schuss, ein Schrei
„Plötzlich höre ich einen Schuss und einen Schrei.“ Sie ruft nach den Hunden, Johnny kommt sofort, Bailey ist nirgends zu sehen. Panisch läuft die junge Frau ums Haus und sucht die Hündin. „Nach drei Minuten höre ich einen zweiten Schuss und wieder einen Schrei. Da wusste ich, dass etwas Schlimmes passiert ist.“ Sie habe sich nicht nach draußen getraut, eine Freundin habe dann nachgeschaut. Da sei der Jäger gekommen und habe gesagt: „Ich habe geschossen, es tut mir leid.“ Er habe den Australian-Sheperd-Husky-Mischling, der eine Warnweste trug, mit einem Fuchs verwechselt. Der Abstand zum Hochstand betrug 17 Meter, es waren Fleischköder ausgelegt gewesen. Alina Prinz ist am Boden zerstört, ihr Partner Michael Gastgeber erfährt vom dramatischen Ereignis beim Eishockeytraining.
Die Erzählung mutet ähnlich an wie jene von Fabian Pritz: Bei einem Spaziergang im Dezember des Vorjahres wurde sein Hund Cooper getötet, weil ein 84-jähriger Jäger ihn mit einem Fuchs verwechselte. Der 30-Jährige aus Oberösterreich kämpft bis heute mit dem Verlust, der Hund hatte ihn auf seinem Weg aus den Depressionen begleitet.
Michael Gastgeber und Alina Prinz unterwegs mit ihren beiden Hunden.
Angst ist ständig da
Zurück ins Mürztal: „Besonders wehtut uns der Umgang mit unserem zweiten Hund Johnny. Ihn zu füttern ist schwer, weil wir dabei jedes Mal spüren, dass wir das Futter jetzt „nur“ noch für ihn herrichten. Auch die Spaziergänge schmerzen – jeder Gang erinnert uns daran, dass wir diese Wege früher gemeinsam mit zwei Hunden gegangen sind“, sagt Alina Prinz. Johnny darf seitdem nicht mehr ohne Leine in den Hof. Die Angst sei ständig und bestimmend da. „Ich selbst leide teilweise unter Panikattacken. Im Dunkeln traue ich mich nicht mehr vor die Haustür, schon gar nicht mit meinem Hund“, sagt die junge Frau: „Bailey fehlt uns einfach immer und überall.“
Jeder Mensch verarbeitet seine Trauer anders. Alina Prinz hat vor dem Haus ein Kreuz mit dem Namen der Hündin aufgestellt und schaut sich oft Bilder und Videos des imposanten Tieres an. Michael Gastgeber hat sich kürzlich ein Porträt von Bailey tätowieren lassen. „Bald wird der Anruf des Krematoriums kommen, dass wir ihre Asche holen müssen. Mir graut davor.“
Alina Prinz fordert für derartige Vorfälle härtere Strafen, etwa den sofortigen Entzug des Jagdscheins und empfindliche Geldbußen: „Diese Menschen haben eine Waffe in der Hand und können ein Leben auslöschen.“
Dass das Thema bewegt und aufwühlt, zeigt auch eine aktuelle Petition von Tierschutz Austria, in der ein Umdenken in der Jagdgesetzgebung gefordert wird. Mehr als 21.000 Menschen haben bereits unterschrieben.
Töten als Präventiv-Maßnahme
Nachdem sich jüngst die Vorfälle mit Jägern und Hunden gehäuft haben, wird nun die Aktualität des Jagdrechts diskutiert. Dazu legt nun die Linzer Uniprofessorin Erika Wagner ein Rechtsgutachten vor. Erstellt wurde es im Auftrag einer privaten Tierschützerin, die selbst ihren Hund durch den Abschuss eines Jägers verloren hat. Der Titel: „Das Töten von Hunden im Rahmen des sogenannten Jagdschutzes des Landesjagdgesetzes“.
Wagner ordnet historisch ein: „Die Abschussermächtigung von Haustieren ist ein nachweislich über 300 altes Relikt, das sich gegen herrenlose bzw. entlaufene, wildernde Hunde richtete. Seither hat ein tiefgreifender Wertewandel in der Mensch-Hund-Beziehung stattgefunden. Hunde haben den gesellschaftlich anerkannten Status von Familienmitgliedern.“
Abschuss beim WildernDie Jagdgesetze würden die Ermächtigung des Jagdorganes zum Abschuss des Hundes teils an gar keine Voraussetzungen knüpfen, etwa im Burgenland. Dort kann jeder wildernde Hund erschossen werden. Dabei definiert das burgenländische Jagdgesetz den wildernden Hund „als solchen, der Wild verfolgt oder reißt, oder auch, der sich der Einwirkung des Besitzers zumindest vorübergehend entzogen hat und im Jagdgebiet allein umherstreift.“ Dadurch sei es möglich, die Tötung sogar als Präventivmaßnahme zu legalisieren. Wagner: „Das Alleine-Herumstreifen als Ermächtigung zur Tötung zu normieren, ist grausam und überschießend. Dies ist auch in Tirol und Oberösterreich der Fall. Dort ist die Tötung sogar möglich, wenn der Hund in der Falle sitzt.“Claudia Stelzel-Pröll
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