Chronik | Österreich
23.04.2018

Eine Heimmisere: Wer aufmuckt, fliegt

Weil sich in Salzburg die Mutter einer Behinderten beschwerte, verlor das Mädchen den Betreuungsplatz. Gericht stellte das ab.

Eine Misere im Pflegebereich lässt sich so zusammenfassen. Wer sich beschwert, der fliegt. Wobei: Nicht die Mütter (oder Väter), die bei Betreuungsvereinen aufbegehren, werden vor die Tür gesetzt, sondern deren schwerbehinderte Kinder.

Genau damit hat jetzt das Oberlandesgericht Linz (und davor schon der Oberste Gerichtshof) nach dem vier Jahre dauernden Kampf einer Salzburger Mutter Schluss gemacht. Rosa Steidl und ihr Mann bewirtschaften einen Bio-Bergbauernhof in Leogang. Sie haben vier Kinder, darunter die seit einer Gehirntumor-OP im Kindesalter schwerbehinderte

Katharina. Die ersten Jahre verbrachte sie im Elisabethinum in Axams/Tirol, „die schönste Zeit in ihrem Leben“, sagt Mutter Rosa Steidl zum KURIER. Später übersiedelte sie in ein Wohnheim der Lebenshilfe in Saalfelden, das vom Wohnort der Eltern gut erreichbar ist.

Rotes Tuch

„Weil ich auf mein Kind schaue“, wie Rosa Steidl sagt, war sie für die Heimleiter bald ein rotes Tuch. „Nach einem Sturz mit Platzwunde am Kopf sind sie mit Katharina nicht zum Arzt gegangen. ‚Wir haben dazu keine Zeit‘, hieß es, ‚das soll die Mutter machen‘“, erzählt Rosa Steidl: „Bei einem Besuch habe ich ein blutiges Bett gesehen. Die Dokumentation wurde mir verwehrt, es gab Falscheinträge. Und die Katharina kam die ganze Woche nicht aus dem Haus, obwohl die Bewegung an der frischen Luft im Betreuungsvertrag vorgesehen ist. Hätte ich das gewusst, hätte ich sie öfter mit nach Hause genommen.“

Zwei Wochen vor Weihnachten 2014 kündigte die Lebenshilfe den Vertrag, Katharina sollte binnen sechs Monaten ihr Zimmer räumen. Ein letzter noch eingeräumter Termin zur Aussprache soll sich laut Rosa Steidl so abgespielt haben: „Der Geschäftsführer der Lebenshilfe saß mit den Füßen auf dem Tisch in seinem Büro und sagte zu mir: ‚Wie kann ich Ihnen beim Auszug helfen?‘“

Die Lebenshilfe stellt alles ganz anders dar: Rosa Steidl habe ständig Kritik geäußert und die Mitarbeiter damit zermürbt. Die Zeugenaussage einer ehemaligen Betreuerin, die sich von der Heimleitung hinausgemobbt fühlt, zeigt ein anderes Bild: Sie sei als „Verräterin“ geächtet worden, weil sie mit Katharinas Mutter gut auskam. Die Betreuerin war der Ansicht: „Die Mutter kennt ihr Kind am besten.“ Aber die Devise im Heim habe gelautet: „Mit Frau Steidl wird nicht kommuniziert.“ Es sei beschämend gewesen, wie abschätzig man sich gegenüber Katharinas Mutter verhalten habe.

Die Bergbäuerin setzte sich durch, kämpfte mit einstweiliger Verfügung bis zum Obersten Gerichtshof und Klage gegen die Kündigung des Heimplatzes ihrer Tochter: „Vier Jahre Horror pur. Aber wir mussten durchhalten. Man findet keinen anderen Heimplatz in der Nähe.“ Über den Prozess erzählt Rosa Steidl: „Die ließen 20 Zeugen gegen mich aufmarschieren, die meisten kannten mich nicht einmal. Sogar den ehemaligen Lehrherrn meines Sohnes holten sie als Zeugen. Das ist Jahrzehnte her. Mein erwachsener Sohn glaubte, wir sind in einem Psychothriller.“

Nichts angestellt

Jetzt kam das Urteil: Die mittlerweile 30-jährige Katharina darf bleiben. Sie hat nichts angestellt. Und dass die Mutter mit ihrem Einsatz für ihr Kind die gesamte Heimorganisation durcheinanderbringen soll, das konnten die Richter nicht nachvollziehen.

Einzelfall ist das keiner (siehe auch unten). „Das hat System“, sagt Gerda Ressl vom Verein Behindertenombudsmann in Wien: „Nicht nur bei der Lebenshilfe. Angehörige trauen sich nicht aufzumucken. ‚Suchen Sie sich was anderes‘, heißt es. Aber es ist für Behinderte schwer, sich wo einzuleben.“

Auch Caritas kündigte Schwerbehinderten

Auch für Daniela C. aus Niederösterreich endete ein jahrelanger Konflikt mit der Betreuungseinrichtung ihres Sohnes Fabio mit der Kündigung. Der 25-Jährige ist Autist und auf dem geistigen Niveau eines Fünfjährigen. 2013 zog er in die Caritas Behinderteneinrichtung Lanzendorf, NÖ. Schon kurz darauf war C. unzufrieden. „Es gab eine hohe Förderung für Intensivbetreuer-Stunden, die aus meiner Sicht nicht ausreichend umgesetzt wurden“, sagt C. „Dann gab es den Unfug, dass Fabio als Windelträger  nur einmal pro Woche geduscht wurde und es kein Klopapier gab.“ Die hygienische Versorgung sei teils vernachlässigt worden. Ihr Sohn habe Abszesse aufgewiesen. Als sie die aus ihrer Sicht bestehenden Mängel aufzeigte, sei mit der Kündigung gedroht worden.

Hinzu kommt, dass Fabio Pflegestufe 6 hat. Fühlt er sich nicht wohl, kommt es zu „Impulsdurchbrüchen“. Mehrmals hat er Mitarbeitern und Mitbewohnern gegenüber die Kontrolle verloren. Im März musste die Polizei gerufen werden, Fabio wurde weg gewiesen. C. hatte 2017 Anzeige erstattet, doch wurden keine Pflegemängel festgestellt.  „Die Vorwürfe wurden von den Behörden umfassend geprüft und als nicht begründet eingestellt“, so die Caritas. Man habe versucht, sich zu einigen, einen Platz in einer anderen Einrichtung angeboten. Das kam für C. nicht infrage. Fabio wechselt nun in eine andere Einrichtung.