Protest für die "vom Staat Vergessenen"

Ehemalige Heimkinder aus ganz Österreich demonstrierten am Dienstag in Wien.

Pallas Athene schau oba: Ehemalige Heimkinder zogen durch die Wiener Innenstadt und protestierten vor dem Parlament Demo-Start auf dem Stephansplatz: Mit Transparenten und Ansprachen machten ehemalige Heimkinder auf ihr Schicksal aufmerksam.

Gegensätzlicher können Kulisse und Realität nicht sein: Walzerseligkeit und Missbrauch, weihnachtliche Glitzerwelt und eines der dunkelsten Kapitel der Zweiten Republik. Rund 200 ehemalige Heimkinder aus ganz Österreich marschierten gestern durch die Wiener Innenstadt – vom Stephansplatz über den festlich geschmückten Graben zum Parlament.

Mit Transparenten wie „Danke für die Ausbildung in der Sonderschule“ oder „Aufklärung des größten Verbrechens der Zweiten Republik“ zog die Hundertschaft los.

„Wir wollen nicht jammern, sondern die Sache selbst in die Hand nehmen. Unser Ziel ist ein flächendeckender Erfolg“, sagt Mit-Initiator Johann Kailich, 65, einst selbst Heimkind auf der Hohen Warte in Wien. „Es geht nicht um einzelne Wiedergutmachungen, sondern um zigtausende Betroffene, die als Opfer anerkannt werden sollen.“

„Einmal ins Kinderheim eingewiesen, hat der Staat auf uns vergessen“, sagt Gerald C., 47, ebenfalls ein ehemaliger Hohe-Warte-Zögling. Im Zusammenhang mit den Erziehungsmaßnahmen spricht er von „Folter“.

Die Forderungen der Demonstranten kurz zusammengefasst: Schuldeingeständnis der zuständigen Organisationen samt Entschuldigung „auf Augenhöhe“, Wiedergutmachung, Aufhebung der Verjährung. Egal, ob Kirche, Staat oder Stadt – jede Institution solle sich der Forderung beugen.

Verpfuscht

„Entschädigungen dürfen nicht erst ab Antragstellung gewährt werden“, präzisierte der deutsche Opferanwalt Christian Sailer, „sondern für das ganze Leben, das von der Fürsorge verpfuscht worden ist.“ Sailer war der erste, der für ein ehemaliges Heimkind aus Tirol eine Entschädigung nach dem Verbrechensopfergesetz erstritten hat (der KURIER berichtete).

Sein Wiener Anwaltskollege Johannes Öhlböck appellierte an die Stadt Wien, bei einem etwaigen Zivilprozess ehemaliger Heimkinder „auf den Einspruch der Verjährung zu verzichten“. Zum Abschluss verlieh der Wiener Sänger Tombeck samt Band der Demonstration eine musikalische (Protest)-Note.

„Aus dem Heimskandal einen Weinskandal machen“

… Foto: kba/chr.jpg Der Musiker und Coach Tombeck, 44, unterstützt ehemalige Heimkinder. Mit seinen Bandkollegen sang er bei der Schlusskundgebung der Demonstration.

„Es ist das Urbedürfnis des Menschen, wahrgenommen zu werden“, sagt Tombeck. „Noch wichtiger als die finanzielle Wiedergutmachung ist die Versöhnung, ein ehrliches Aufeinanderzugehen.“ Der gelernte Coach redet im Zusammenhang mit dem Kinderheimskandal „von Friedensarbeit nach einem Krieg auf psychologischer Ebene. Es gab Gewalt, Unterdrückung, Vergewaltigung.“ Die zuständigen Politiker müssten mit den Betroffenen einen Mediationsprozess in die Wege leiten. Nach dem Motto seines Songs: „Schauts hin“.

„Machen wir aus dem Heimskandal einen Weinskandal“, fordert er. „Wenn’s um den Spritzer geht, kommt das weltbeste Weinstrategie-Rezept heraus. Warum gibt es im Zusammenhang mit ehemaligen Heimkindern kein Weltleitprojekt?“

Stimmen von der Demo

… Foto: christandl jürg Johann Kailich, 65, ehemaliges Heimkind Hohe Warte, Wien:
„Warum wir die Demo organisiert haben haben? Weil nicht einzelne ehemalige Heimkinder entschädigt werden sollen, sondern alle, die in den vergangenen Jahrzehnten unter der Fürsorge gelitten haben. Die Missstände sind ja schon im einem Heimbericht im Jahr 1974 aufgezeigt worden. Es gab in allen Heimen Missstände und jahrzehntelang hat die Politik nichts dagegen unternommen. Und eine gute Bildung blieb uns auch verwehrt. Ehemalige Heimkinder, die ohnehin schon am Boden sind, müssen jetzt wieder betteln gehen - zum Weissen Ring, um entschädigt zu werden. Es ist ja auch bezeichnend, dass Leute, die früher Kinder ins Heim gesteckt haben, heute über die Höhe der Entschädigung entscheiden.“

… Foto: christandl jürg Gerald C., 47, ehemaliges Heimkind Hohe Warte, Wien:
Ich bin selbst Betroffener und musste von 1976 bis 1980 im Folterhaus Hohe Warte verbringen. Wir wollen mit drr Kundgebung die Verantwortlichen von Staat und Kirche wachrütteln. Die österreichischen Kinderheime wurden jahrzehntelang von den Jugendämtern ohne jegliche Kontrolle mit Kindern bestückt. Diese Kinder wurden oft quer durch Österreich wie Pakete versendet. Einmal in so einem Kinderheim eingewiesen hat der Staat diese schutzlosen Kinder vergessen. Hinter den Mauern dieser Heime herrschte die Allmacht der jeweiligen Heimleitung, der Lehrer, Erzieher. Die Hohe Warte, der Wilhelminenberg, das Zentralkinderheim oder die Kinderübernahmestelle stehen nur als Beispiele für die vielen Heime in diesem Land, in denen Kinder gebrochen wurden. Gebrochen durch massive Schläge, durch Schlafenzug, durch tagelanges Einsperren in Kellerlöcher, durch Essenszwang oder auch  Essensentzug. Und durch Misshandlung: Ich spreche hier nicht von der sogenannten „gesunden Watschen“ oder von Strafen die damals durchaus üblich waren - ich spreche von Folter."
 
Anwalt Johannes Öhlböck, HONORARFREI… Foto: Hans Krist Johannes Öhlböck, Opferschutzanwalt, Wien:
Die Stadt Wien argumentiert, dass sich die Zahlungen an die Opfer an der Rechtsprechung des Obersten Gerichtshofes orientieren würden und angemessen seien. Ich bestreite das. Eine Prüfung der Zahlungen wäre möglich, wenn die Stadt Wien das zulassen würde. Derzeit lässt die Stadtverwaltung das aber nicht zu und erhebt in den Schreiben ihres Rechtsvertreters den Einwand der Verjährung. Dieser Einwand ist ein praktisches Instrument. Man kann die Sache damit vom Tisch wischen, ohne sich inhaltlich mit ihr auseinandersetzen zu müssen. Mit dem Einwand der Verjährung wird das Risiko der Prozesskosten auf die Opfer  verschoben, von denen man weiß, dass sie sich einen Prozess nicht leisten können. Sie erhalten nicht einmal Verfahrenshilfe, weil die Gerichte argumentieren, dass sie mutwillig handeln. Faktisch ist die Verjährung vom Gericht nur zu prüfen, wenn sie von einer Partei eingewendet wird. Die Stadt Wien müsste also lediglich auf die Einrede der Verjährung verzichten. Damit wäre eine schrankenlose Aufklärung möglich. Jedes Opfer könnte vom Gericht überprüfen lassen, ob die Angaben der Stadt Wien zur Angemessenheit der Zahlungen korrekt sind. Die Heimopfer wären nicht Bittsteller und nicht auf Gnadenrecht angewiesen.
 
 
Dr. Christian Sailer, Rechtsanwalt, Deutschland, h… Foto: ECHO/Friedle Christian Sailer, Opferschutzanwalt, Deutschland:
“Unser Ziel muss es sein, etwas zu verändern, um Wiedergutmachung für die ehemaligen Heimkinder zu erreichen. Wir müssen die Politiker und die Bischöfe auffordern, auf die Einrede der Verjährung zu verzichten. Es ist auch wichtig, dass Entschädigungen nicht ab Antragstellung schlagend werden, sondern für das gesamte Leben, das von der Fürsorge verpfuscht wurde.“

(KURIER) Erstellt am
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