GTI zwischen Wirbel und Wickeltisch

© Bild: Hermann Sobe / Sobe Hermann

Die Krachmacher von einst sind älter und Eltern geworden, Reifnitz hat die Kehrtwende geschafft.

Geile Party, gestern“, sagt ein Bursche Anfang 20 zu seinem Freund. Beide sind am Freitagvormittag von der offenbar feucht-fröhlichen Feier noch ein wenig gezeichnet und prosten sich mit einem Energydrink aus der Dose zu, während sie auf ihren mitgebrachten Klappsesseln am Straßenrand in Reifnitz sitzen. Dort löst sich parallel zu den Erinnerungen an die vergangene Nacht der Nebel am Wörthersee auf. Ein GTI nach dem anderen rollt vorbei. Wie an jedem Tag des Haupttreffens in den vergangenen 37 Jahren.

Und doch ist nichts wie früher. Wo sich einst Hochprozentiges stapelte, wurden die Ausschank-Stationen von der Gemeinde Maria Wörth limitiert. Und zwar so, dass Exzesse sachte eingedämmt werden, ohne Partytiger zu vergrämen. Gummi-Gummi-Aktionen gibt es nach wie vor, aber am eigens angelegten Platz. Und das Publikum? War einst jung und ist nun durchmischt: vom campenden Kiebitz, der samt Flamme per Zug anreist und sich seine Bierdose im Supermarkt kauft, bis zum Neureichen, der mit Gattin im edlen Schlosshotel Velden residiert und mit dem Motorboot nach Reifnitz braust, ist alles da.

Die wilden 90er

Reifnitz hat 2015 mit dem neuen Bürgermeister Markus Perdacher (ÖVP) den U-Turn, die Kehrtwende, vollzogen. „Zurück zu den Wurzeln“ lautet die Parole, im Vordergrund steht das Auto. „Ja, die 90er-Jahre waren wild“, sagt Reinhold Rupperat aus dem Rheinland, der zum 36. Mal in Reifnitz urlaubt. Aber wie er ist auch das Treffen älter geworden. „Das Event ist erwachsen, hat von seinem Reiz aber nichts verloren“, wirft Gernot Oberdorfer aus Linz ein. Gäste von einst kommen noch immer. Oder wieder – mit den Kindern. „Sohn Florian hat seinen eigenen GTI mit. Das Treffen ist eine Gaudi, auch für die Kleinsten“, sagt Anja Jankowitsch aus Hohenau an der March. Wickeltisch hätte es früher beim GTI-Treffen keinen gegeben. Oder Familientage mit Unterhaltung für die Kinder, wie am heutigen Samstag. „Unsere Kinder sind immer dabei – wie unser Einser-Golf“, erzählt Markus Scheiber aus Fohnsdorf in der Steiermark. „Dass wir als Familienevent gelten, sieht man auch bei VW positiv. Die Familie ist ein wichtiges Thema für den Konzern“, erklärt Sandra Steimann, Sprecherin des Treffens. Die Besucherzahlen sind bei 120.000 konstant geblieben.

Bei inoffiziellen Vortreffen explodieren sie. Dort waren am Wochenende rund um den 1. Mai 60.000 Gäste zu verzeichnen. „Die Vortreffen sind durch die räumliche und zeitliche Ausdehnung zu einer großen Herausforderung geworden“, betont Polizeisprecher Mario Nemetz. Wegen der Exzesse. 70 Kennzeichen wurden in den vergangenen Wochen abgenommen, dazu kamen Schlägereien und eine Attacke auf einen Polizisten. Das Haupttreffen verlaufe indes seit Jahren vergleichsweise friedlich, sagt Nemetz. Dass das Veranstalter-Motto „Laut ist out“ bei 120.000 Gästen nicht gelebt werden kann, liegt auf der Hand.

Unruhestifter im Visier

Der Wörthersee indes ist ausgebucht. Auch an April-Wochenenden. Touristiker wollen jedoch mit dem Mythos aufräumen, dass jeder Gast, egal wie er sich benimmt, hofiert wird. „Zu den Vortreffen kommen immer mehr Unruhestifter, die glauben, hier ist alles erlaubt“, meint Roland Sint vom Wörthersee-Tourismus. Und weiter: „Die drohen, an den Gardasee abzuziehen, wenn sie bei uns nicht bedingungslos geduldet werden. Denen müsste man erklären, dass die Behörden ihnen dort in vielen Fällen sofort ihre Autos still legen würden.“

( kurier.at , tm ) Erstellt am 12.05.2018