Chronik | Österreich
17.12.2015

Grazer Bischof: "Ein Zaun ist eine einfache Antwort"

Diözesanbischof Wilhelm Krautwaschl hat eine Flüchtlingsfamilie bei sich aufgenommen.

Wilhelm Krautwaschl, 53, wurde am 14. Juni zum Diözesanbischof von Graz-Seckau geweiht.

KURIER: Sie sind jetzt seit sechs Monaten im Amt. Im ersten Interview sagten Sie, dass die neue Aufgabe auch Angst mache. Hat sich die gelegt?

Wilhelm Krautwaschl: Die Angst ist zum Teil weg, ich kann gut schlafen. Das ist wichtig. Manches, was einem so begegnet, ist tief zum Durchatmen. Aber ich stehe ja als Bischof für jemanden, ich kann es ihm anvertrauen: Gott.

Sie haben eine Flüchtlingsfamilie aus Syrien bei sich aufgenommen. Warum?

Weil eine Wohnung frei war. Und die Not war da. Da braucht man gar nicht viel zu überlegen.

Man könnte das auch so interpretieren, dass der Bischof ein Zeichen setzt.

Für mich gehört so etwas zum Leben dazu. Wir tun da nicht lang herum. Ich schau, wie ich helfen kann. Danach kann ich die anderen Fragen stellen.

Welche?

Warum sind sie da? Es bringt jedoch nichts, zu sagen, sie gehören unten aufgehalten, wenn sie schon da sind. Ich merk’, wie froh sie sind, dass sie da sein dürfen. Die Kinder gehen in die Schule, sie haben ein geordnetes Leben.

Die WG, von der Sie gesprochen haben, ist das aber nicht.

Nein, aber hier ist auch ein Ehepaar eingezogen, das am 1. August geheiratet hat. Wir feiern Weihnachten zusammen. Bevor man die Wohnungen zu Büros umbaut, haben wir geschaut, ob da jemand einziehen kann. Büros haben wir genug.

Das klingt sehr offen.

Ich bin halt so. Ich hab’ das von Anfang an so offen gehalten. Den beiden gefällt’s, dass sie ein Stückerl mitkriegen, wie es einem in meinem "Geschäft" geht. Wir machen auch Carsharing mit meinem Privatauto. Ich darf halt nicht vergessen, einzutragen, wann ich es brauche, sonst ist es weg.

Das derzeit vorherrschende Thema sind aber Flüchtlinge. In Spielfeld wird ein Zaun gebaut. Was halten Sie davon?

Erstens: Ich möchte nicht in der Haut derer stecken, die hierbei große Verantwortung tragen. Jeder zerrt in andere Richtungen. Egal, was du sagst, es ist nie ganz richtig. Zweitens: Es gibt Situationen, die uns überfordern. Alles, was neu ist, schafft eine Befindlichkeit, die nicht ganz angenehm ist. Sich dieser Situation zu stellen, braucht Mut. Aber es stellt sich schon auch die Frage: Es kommen weniger Leute und wir bauen einen Zaun?

Politiker sprechen von Obergrenzen für Flüchtlinge.

1956, wo keiner was gehabt hat, hat man geteilt. Und heute, wo ein Gutteil der Menschen gut lebt? Natürlich, wir haben 360.000 Arbeitslose, das ist eine komplexe Situation. Not darf aber nicht gegen Not ausgespielt werden. Es gibt Leute an der Grenze, es gibt die, die um Asyl ansuchen, die, die durchwandern, den österreichischen Staat, die EU, die UNO, das macht’s komplex. Wir brauchen dann halt einfache Antworten. Ein Zaun ist eine einfache Antwort.

Ich entnehme dem, dass Sie vom Grenzzaun nichts halten.

Der bringt nichts. Wir wissen nicht, wer wir selbst sind und beginnen, um das vermeintliche Ich Zäune und Mauern zu bauen. Ich muss mich dem aussetzen, was kommt, ich will dem anderen zunächst einmal vertrauen dürfen. Es kann ein Falott darunter sein. Aber es gibt auch in Österreich Falotten.

Es herrscht aber die Stimmung einer diffusen Angst – auch wegen der zunehmenden Terroranschläge. Wie soll man dem begegnen, wie Islamismus und Extremismus entgegentreten?

Man muss sich der Angst stellen. Ich hab’s ja auch nicht in der Hand. Ich werde weiter unsere Feiern abhalten. Ich kann mein Leben nicht auf der Annahme bauen, dass was passiert. Ich von mir selbst glaube, dass ich in Gottes Hand geborgen bin. Das ist die Botschaft, die ich versuche, weiterzuvermitteln. Da brauch’ ich keine Angst vor irgendwas haben. Wir leben ja ständig gefährlich, weil das Leben lebensgefährlich ist: Meine Schwester ist bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen.