Gewalt ist gelernt – und fast immer männlich
Symbolbild Männergruppe
Wenn in Österreich wieder ein Femizid geschieht, richtet sich der Blick rasch auf Frauenhäuser und Opferschutzeinrichtungen. Doch wer verhindern will, dass Männer gewalttätig werden, muss dort ansetzen, wo Gewalt entsteht: bei Männern – und bei den Bildern von Männlichkeit, die sie prägen. Das sagt Erich Lehner, Psychotherapeut und Vorsitzender des Dachverbandes der Männerarbeit in Österreich (DMÖ). Seit vielen Jahren beschäftigt er sich mit Geschlechterrollen. Seine zentrale These: Gewalt ist ein männliches Lernmuster. Und weil sie erlernt ist, kann sie auch verlernt werden.
Lehner betont, dass Männerarbeit kein Schonraum für gekränkte Befindlichkeiten sei. „Wir arbeiten mit den Themen und Verletzlichkeiten von Männern, aber wir blenden ihre Privilegien nicht aus“, sagt er. „Männerarbeit darf nicht zur Rückkehr eines alten patriarchalen Modells missbraucht werden.“
Psychotherapeut Erich Lehner
Gewaltprävention: Männer und Rollenbilder
Für ihn geht es um Beziehungsfähigkeit – und um Verantwortungsübernahme. Viele Männer suchen jedoch erst Hilfe, wenn sie von außen dazu gezwungen werden. Nach einem Betretungsverbot müssen sie sechs Stunden Gewaltprävention absolvieren; für viele reicht das, für manche braucht es aber ein einjähriges Anti-Gewalt-Training.
Warum Gewaltprävention wirkt, erklärt Lehner so: „Aggressionen sind nicht angeboren. Gewalt ist ein erlerntes Verhalten. Wenn ich einmal gelernt habe, Gewalt als Mittel einzusetzen, dann reicht ein Reiz, der mich triggert. Aber Gewalt kann sich nur dort abbauen, wo sie entstanden ist: in sozialen Beziehungen. Indem jemand zuhört, kritisch hinterfragt und Alternativen anbietet.“
Frauen suchen häufig Hilfe, weil sie unter struktureller Benachteiligung leiden. Männer hingegen seien selten herausgefordert, sich zu verändern. „Frauen gehen aus Leidensdruck in Therapie. Männer leiden nicht in diesem Sinne, denn ihr System wird nicht in Frage gestellt.“ Rollenbilder würden nicht durch Moral verändert, sagt Lehner, „sondern durch Strukturen“.
Das letzte Wort
Ein Befund aus mehreren Studien – unter anderem aus Norwegen – zeigt besonders klar, wie Gewalt entsteht. Untersucht wurde, wer in einer Beziehung das letzte Wort hat, der sogenannte Final Say. Die Ergebnisse sind eindeutig: Am wenigsten Gewalt gibt es dort, wo Entscheidungen gemeinsam getroffen werden. Steigt die Ungleichheit in der Partnerschaft, so steigt auch das Risiko: Wenn die Frau entscheidet, gibt es mehr Gewalt; am höchsten ist die Gewalt in Haushalten, in denen der Mann entscheidet.
Ein ähnliches Muster zeigt sich beim Einkommen. Paare mit ungefähr gleichen Einkommen haben am wenigsten Gewalt. Verdient die Frau mehr, steigt das Risiko – und am höchsten ist es, wenn der Mann deutlich mehr verdient. Das liege am tradierten Versorgerbild. „Männer erleben das Einkommen der Frau dann als Status- oder Kontrollverlust“, sagt Lehner.
Caring Masculinity
Die Alternative zum Dominanzmodell ist die „Caring Masculinity“ – eine sorgende, beziehungsorientierte Männlichkeit, die auf Augenhöhe funktioniert. Sie setzt auf Verantwortung, emotionale Offenheit und geteilte Aufgaben.
„Damit ein Mann Fürsorge leben kann, muss er bereit sein, Gefühle zu zeigen, Verantwortung zu teilen und Beziehungen als wechselseitig zu begreifen“, sagt Lehner. Interdependenz, wie er es nennt, meint: „Wenn es mir schlecht geht, lehne ich mich an – und umgekehrt genauso.“ Das sei das Gegenteil des alten Modells, in dem die Frau jemanden sucht, an den sie sich anlehnen kann, und der Mann jemanden, der ihn bewundert.
Um Caring Masculinity zu verankern, brauche es strukturelle Veränderungen: halbe-halbe bei Care-Arbeit, gleiche Einkommen, Väterkarenz, frühe Geschlechterbildung, die stereotype Rollenbilder aufbricht. „Wir müssen Männlichkeit neu denken. Nicht als Dominanz, sondern als Beziehung“, sagt Lehner.
„Das Gute und das Schwierige“
Wenn Täter im Kontext häuslicher Gewalt einen Migrationshintergrund haben, würden sich rasch vereinfachende Debatten entzünden. Lehner warnt davor. „Kultur ist kein Gen. Religion ist kein Gen. Das sind Muster, die man verändern kann – wie bei uns.“ Wer behaupte, ohne Migration gäbe es „die Hälfte der Gewalt nicht“, übersehe andere Formen männlicher Gewalt: K.O.-Tropfen, psychische Gewalt, Belästigungen am Arbeitsplatz. Lehner betont zudem, dass Migration immer „alles“ mitbringt – Bereicherung und Herausforderungen. „Wir haben Menschen aufgenommen, aber die Strukturen nicht mitentwickelt. Da muss man hinschauen“, sagt er.
Migration betreffe vor allem junge Männer – jene Gruppe, die weltweit am häufigsten Gewalt ausübt und zugleich am ehesten angezeigt wird. Entscheidend sei für Lehner jedoch: Männerbilder seien veränderbar. Programme wie HEROES, bei dem Jugendliche lernen, jenes „Heldentum“ zu hinterfragen, auf dessen Boden männliche Macht- und Besitzansprüche gedeihen. Oder auch kultursensible Männerarbeit in afghanischen Communities seien zentrale Ansätze.
Wer Gewalt verhindern will, müsse also die Männer in den Blick nehmen: ihre Sozialisation, ihre ungeübten Beziehungsfähigkeiten, ihre Rolle als Versorger und ihr Verhältnis zu Macht. Männerarbeit sei kein Nebenprojekt, sagt Lehner, sondern ein zentraler Baustein der Gewaltprävention. „Wenn wir Männlichkeit verändern, verändern wir die Gewaltzahlen.“
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