Chronik | Österreich
03.05.2017

Geisterzug-Report: Schlamperei und Materialermüdung

Ursachen für die drei Vorfälle sind geklärt. Waggons gingen trotz GPS-Sender "verloren". Gegenmaßnahmen führten zu weiterem Vorfall.

Es waren drei Geisterzüge innerhalb von nur fünf Monaten. Waggons, die kilometerweit führerlos über die Schienen rollten – viele fragen sich, wie so etwas passieren kann. Nun sind die internen Berichte der ÖBB zu allen drei Unfällen fertiggestellt, wie dem KURIER offiziell bestätigt wird.

Der erste Fall in Wieselburg (NÖ) forderte im Oktober 2016 vier Schwer- und acht Leichtverletzte. Fünf Güterwaggons waren in Randegg losgerollt und rund zwölf Kilometer weit gekommen, bis sie in einen Regionalzug krachten. Ursache war eine Verschubfahrt bei denen die Waggons "ausgekommen" sind. KURIER-Recherchen decken ein peinliches Details auf: Denn zeitweise war unklar, wo sich der Zugs während der Irrfahrt befand. Erst später stellte sich heraus, dass ein Waggon ein GPS-Modul eingebaut hat. Dieser gehört der ÖBB-Tochter Railcargo – laut Auskunft von Bahnsprecher Roman Hahslinger hat aber nur der Frächter Zugriff auf die Daten, nicht aber die ÖBB-Zentrale.

Im November prallten erneut Geister-Waggons gegen einen Zug. Ein Holztransporter hatte zwischen den Stationen Wien-Penzing und Hütteldorf einen Schnellzug gerammt – diesmal gab es 20 Verletzte. Auch in diesem Fall hatte laut internem Bericht eine missglückte Verschubfahrt den folgenschweren Unfall ausgelöst.

Einen andere Grund hatte hingegen, wie berichtet, der Geisterzug in Bad Vöslau (NÖ) im März. 19 Waggons hatten sich wegen einer Materialermüdung bei gleich vier Feststellbremsen von sich aus auf den Weg gemacht.

Keine Handytelefonate

Erstmals veröffentlichen die ÖBB auch die Auswertung der Diensthandys. Keiner der involvierten Personen habe telefoniert, betonte Hahslinger. Zuletzt hatte es immer wieder Verdachtsmomente gegeben, aber weder wurde dies in Berichten des Verkehrsministeriums angemerkt, noch von der Bahn kundgetan. Dennoch wurde eine Aufmerksamkeits-Forschungsarbeit in Auftrag gegeben, bei der auch Handytelefonate ein Thema sein werden. So soll geklärt werden, wie die Aufmerksamkeit von Lokführern künftig erhöht werden kann.

Die drei Fälle flossen aber auch in die internen Schulungen ein, außerdem wurde nun verfügt, dass alle stehenden Züge mit so genannten Hemmschuhen fixiert werden müssten. Allerdings führte dies erst wenige Tage nach der Anordnung zum nächsten Unfall: Mitte April wurde offenbar bei einer Verschubfahrt ein Hemmschuh vergessen und in einer Weiche befördert – dort wurde dieser verklemmt. Der Vorfall wurde als so gravierend eingestuft, dass das Verkehrsministerium eine Untersuchung eingeleitet hat. Dies wird nachPlatzen des Skandals um die Bundesanstalt für Verkehrnun stets vorbildlich öffentlich angekündigt.

Vorfall mit Railjet

Dadurch wurde auch ein weiterer Vorfall bekannt: Erneut verlor ein Railjet ein Fahrzeugteil nach dem Durchfahren der Höchstgeschwindigkeitsstrecke Wien-St. Pölten. Der Railjet 698 vom Flughafen via Salzburg nach Klagenfurt hatte eine Seitenschürze verloren. Es ist bereits der zehnte Vorfall mit verlorenen Teilen oder brisanten Türproblemen in nicht einmal fünf Jahren. Derzeit läuft eine parlamentarische Anfrage zur Häufung dieser Vorfälle. Diese muss bis Anfang Juni beantwortet werden – fast gleichzeitig liegt auch die Bilanz der Schienen-Unfälle 2016 vor.