Chronik | Österreich
03.12.2018

Erstes Briefbombenopfer: "Splitter flogen in alle Richtungen"

Am 3. Dezember 1993 explodierte ein Brief von Franz Fuchs in Pfarrer August Janischs Händen. Woran er noch heute denkt.

August Janisch, 76, engagierte sich in den 1990ern in der Steiermark für die Flüchtlingshilfe. Ein TV-Interview dürfte Franz Fuchs auf ihn aufmerksam gemacht haben. Heute ist Janisch Pater im Zisterzienserstift Rein in der Steiermark, macht dort Führungen und kümmert sich wieder um Flüchtlinge.

KURIER: Denken Sie zuweilen an den 3. Dezember 1993?

August Janisch: Nur wenn ich daran erinnert werde oder wenn ich von einer Briefbombe höre wie in den USA. Es gibt aber Jahre, da denke ich am 3. Dezember gar nicht dran. Das ist Geschichte. Aber damals war das schon eine Unsicherheit. Wer steckt dahinter? Das hat Österreich ja ordentlich geschüttelt.

Weshalb?

Da war so eine Unsicherheit wie jetzt beim Felzmann (mutmaßlicher Doppelmörder von Stiwoll, von dem es seit einem Jahr keine Spur gibt, Anm.). Man hat ja nicht gewusst, dass das nur ein einziger Mensch ist, der dahinter steht und nicht eine ganze Gruppe.

Wissen Sie heute noch, wie Sie den 3. Dezember 1993 verbracht haben?

Ich war beim Adventsgottesdienst in einer Volksschule. Dann bin nach Hause und gleich in mein Büro in die Pfarrkanzlei. Da war schon ein Stoß Post auf dem Schreibtisch. Meine Sekretärin hat gesagt, Herr Pfarrer, da warten schon zwei Leute, zwei Flüchtlinge. Ich mach’ dann vor ihr den Brief auf und bumm. Das war wie ein Gewehrschuss, wie eine Detonation. Es hat nach Pulver gerochen, die Splitter sind in alle Richtungen geflogen. Das war um 11 Uhr.

Sehen Sie im folgenden Video, wie August Janisch über das Attentat spricht:

Briefbombenopfer: August Janisch spricht über das Attentat

Wann haben Sie erfahren, dass Sie nicht das einzige Opfer an diesem Tag waren?

Ich bin ins Spital in Hartberg eingeliefert worden. Dann hör’ ich in meinem Zimmer in den Nachrichten, dass in Wien, beim ORF, eine Briefbombe explodiert ist. Da hab’ ich mir gedacht, „Aha, lustig. Die haben von Hartberg noch gar nichts mitgekriegt.“

Hatten Sie eine Vermutung, wer dahinter stecken könnte?

Mein erster Gedanke war: Das waren die Serben. Wir haben ja sehr viele Flüchtlinge aus dem Kosovo damals gehabt. Die Not war groß und ich hab’ einiges laut gesagt damals. Da hab’ ich mir gedacht, schau, die Serben wollen dich bestrafen.

Der Täter war bekanntlich Franz Fuchs, ein Steirer. Wodurch hat er Sie gekannt?

Das war nicht so schwierig. Wir haben damals in Hartberg den ersten Flüchtlingsbetreuer der Steiermark angestellt. Wir haben viel gemacht, Kleider gesammelt, Rechtsberatung angeboten. Die Höchstzahl an Betreuern, die wir angestellt hatten, war vier. Aber dann ist das plötzlich eingestellt worden, weil es nicht mehr finanziert worden ist. Es war kein Geld mehr da vom Bund. Das hat mich geärgert. Und da habe ich ganz bewusst im Fernsehen die Zettel mit den Terminen für die Rechtsberatung aus dem Schaukasten vor der Kirche genommen. Das hat der Franz Fuchs vielleicht gesehen, das war ja nur ein paar Wochen vor der Briefbombe im Fernsehen.

Hätten Sie vermutet, dass nur ein Täter für die Briefbomben-Serie verantwortlich sein kann?

Nie. Man hat ja gedacht, das müssen mindestens drei sein: Einer, der viel technisches Wissen und Kenntnis von Informatik hat, einer der Bomben bauen kann und einer, der sich in Geschichte auskennt.

Hatten Sie nach seiner Verhaftung mit Franz Fuchs Kontakt?

Nein. Ich wollte es, wollte ihn sehen. Ich hab es einmal versucht, als er im Spital war. Aber er wollte niemanden sehen, nicht einmal seine Eltern oder seinen Bruder. Das zweite Mal habe ich es dann versucht, als er schon im Gefängnis war. Aber er wollte nicht.

Was hätten Sie ihm gesagt?

Dass es mir leidtut, dass er seine Fähigkeiten nicht besser einsetzen konnte. Dass er nichts Positives daraus machen konnte. So viel zu können, aber seine Talente und Fähigkeiten nur zum Schaden anderer einzusetzen: Das bringt ja keine Freude, keine Genugtuung.

Was war Ihre erste Reaktion nach Fuchs’ Verhaftung 1997?

Ich war in Wels bei einer Predigt, einer Armenvesper. Während der Vesper war schon eine Aufregung zu spüren, und danach waren schon Journalisten da, die Interviews wollten. „Was sagen Sie, Herr Pfarrer?“ Ich hab’ gesagt: „Das ist ein armer Kerl.“ Das war meine Formulierung. Das hat dann auch die Leut’ berührt, der Pfarrer, der sagt, das ist ein armer Kerl, und der Zilk hält ein Kreuz hoch und sagt, der Herrgott hat ihn gestraft. Aber so denke ich auch heute noch: So viele Talente haben, aber damit nicht leben können das ist doch armselig.

Sehen Sie im folgenden Video, was August Janisch heute über Franz Fuchs sagt:

Briefbombenopfer: August Janisch spricht über Franz Fuchs

Haben Sie ihm vergeben?

Das war für mich nie ein Problem, ich hab’ da nie gezögert. Er ist ja so armselig gewesen. Meiner Meinung nach war Franz Fuchs auch kein Fremdenhasser. Er hat einfach etwas gebraucht, um auf sich aufmerksam zu machen und zu zeigen: Es gibt ihn, er kann was, er ist keine Null. In seiner ganzen Lebensgeschichte war ja kein Fremdenhass. Aber das lag halt damals in der Luft. Er hat ein Beispiel gesucht und daran alles aufgehängt.

Sie sind heute nicht mehr Pfarrer, sondern Mönch. Hat das etwas mit der Briefbombe zu tun?

Nein. Ich hab’ eine Krebsoperation gehabt und musste leiser treten. Das war keine Flucht aus der Wirklichkeit. Ich habe jetzt hier wieder mit Flüchtlingen zu tun. Wir haben hier im Stift neun Flüchtlinge integriert, zuerst Syrer, jetzt Afghanen. Es wäre mir lieb, wenn man auch darüber etwas schreiben würde. Nur über Geschichte reden, das ist ja nichts.

Ist die Situation 2018 vergleichbar mit 1993?

Ich leide schon sehr, wie man über die Flüchtlinge redet. Das sind ja junge Menschen, denen muss man Visionen geben. Vor zwei Jahren konnte man sie noch motivieren: Lernt ordentlich, dann kriegst vielleicht eine Lehre in einem Mangelberuf. Wir hatten hier eine Übergangsklasse, wir haben so viele Erfolge gehabt. Aber jetzt rudert man wieder zurück. Das ist eine humanitäre Watschn für alle, die Flüchtlinge betreuen.

Wir sind weit weg von 1993.

Ich spreche lieber über die Gegenwart als über die Vergangenheit.

Apropos Gegenwart. Wissen Sie schon, was Sie am 3. Dezember machen werden?

(blättert im Kalender) Das ist ein Montag. Da ist noch kein Eintrag. Vielleicht mache ich eine Führung durch das Stift. Ansonsten ist das ein Tag wie jeder andere.