Chronik | Österreich
21.04.2018

Flüchtlinge verkaufen Papiere um 1500 Euro

Wie anerkannte Asylwerber auf Facebook ihre Dokumente verkaufen und sich andere eine neue Identität zulegen.

„Ich besitze einen deutschen Reiseausweis (Pass im Sinne der Genfer Flüchtlingskonvention, Anm.) mit Sozialversicherung, Personalausweis und andere Papiere. Ich biete einen sehr attraktiven Preis“, postet ein Flüchtling auf Arabisch in einer nicht öffentlichen Facebookgruppe. Sofort melden sich einige Interessenten. Sie kontaktieren den Mann, der seinen vollständigen Namen angegeben hat – inklusive seines Fotos. Amit S. (Name geändert, Anm.) beginnt mit dem Asylwerber eine Konversation.

„Wie kann mein Sohn nach Europa kommen? Er ist derzeit in Kuwait und ich in Österreich“, behauptet er gegenüber dem Flüchtling und versucht an weitere Informationen  zu kommen.  Bevor er das Geschäft abschließt, verlangt er einen Beweis: ein Foto der Papiere. Prompt folgt dieses.
Das Paket wäre um 1500 Euro zu haben. Ein Preis, der für die angebotenen Papiere üblich ist.

„Foto ändern“

Der Mann im Chat verrät Amit S., dass er in dem Reiseausweis sogar eine Adresse finden würde, wo sein Sohn übernachten könnte. Weiters gibt der ominöse Anbieter folgende Ratschläge: Wie der Angehörige am besten von der Türkei aus nach Griechenland gelangt.

Und was ist, wenn die Fotos in den Papieren dem Sohn von S. nicht ähnlich sehen? „Ich kenne jemanden, der Fotos auf Pässen ändern kann“, versichert er. Und trotz Fluges würde er nicht bemerkt werden? „Nein, er hat nämlich einen offiziellen deutschen Reiseausweis“, meint der Verkäufer. Laut eigenen Angaben lebt der Syrer zum Zeitpunkt der Unterhaltung in der Türkei und ist am Rückweg in seine Heimat.  

Eine KURIER-Recherche zeigt, dass in derselben Gruppe ein Asylwerber aus Wien seine Papiere anbietet. Er postet in der Gruppe ungeniert: „Verkaufe ein österreichisches Reisedokument, das bis 2021 gültig ist und einen Stempel vom Flughafen Wien hat.“

Die erwähnten Beispiele sind  keine Einzelfälle, sondern laut Spiegel ein EU-weites Problem.  Das Nachrichtenmagazin berichtete kürzlich davon, dass die Bundespolizei  in Deutschland sogar eine eigene Analyse dazu verfasst hätte. 554 Asylwerber, die eine falsche Identität hatten und einreisen wollten, wurden vergangenes Jahr angezeigt.

Fälle auch hier bekannt

Der österreichischen Polizei sind die Fälle bekannt. Man habe die Infos von den deutschen Behörden erhalten. „Wir sind uns des Phänomens bewusst und führen zusätzliche ID-Checks am Live-Scanner bei Ungereimtheiten bei der Identitätsfeststellung bei Asylwerbern durch“, heißt es vom Bundeskriminalamt. Eine detaillierte Auflistung der angezeigten Fälle soll es nicht geben.

Die Chats in den Facebook-Gruppen zeigen, wie dreist die Asylwerber vorgehen. Als anerkannte Flüchtlinge kehren sie in ihr Heimatland zurück. Auf dem Weg dorthin und über die Facebookgruppen werden die Papiere dann angeboten. Im Transitland Türkei angekommen, geben die Asylwerber dann einfach an, die  Papiere verloren zu haben.

Falls die anerkannten Flüchtlinge wieder nach Europa einreisen wollen, würden sie das entsprechende Konsulat verständigen und um Ersatz für die Dokumente bitten.

Per Flug ins Traumland

Jene  Flüchtlinge, die die Dokumente kaufen, würden meist aus Griechenland  kommen. Es handelt sich vorwiegend um Syrer. Von Griechenland aus könnten sie illegal und mit falscher Identität ohne weitere Grenzkontrollen per Flugzeuge in ein anderes Land fliegen.

Wie auch der Flüchtling auf Facebook eingangs versprochen hatte.

Von Salme Taha Ali Mohamed und Daniel Melcher