Chronik | Österreich
05.03.2018

Erstes Foto: Die neue Super-Lok der ÖBB

Bis zu 200 Vectron-Lokomotiven für Österreich: Der KURIER durfte mit dem Prunkstück der Bahn sogar ein paar Meter selbst fahren.

Knapp 19 Meter lang und 85 Tonnen schwer ist das neue Prunkstück der ÖBB. Rund vier Millionen Euro wurden an Siemens dafür überwiesen, am vergangenen Donnerstag wurde das knallrot glänzende Gefährt mit dem auffälligen Schriftzug nach Österreich überstellt. Eisenbahn-Fans dokumentierten dabei jede Bahnhofsdurchfahrt auf den Weg zum Matzleinsdorfer Platz, wo der hochmoderne Koloss vorerst vor Wind und Wetter in einer Halle zwischengeparkt wurde.

Bis zu 200 Stück der Vectron-Lokomotiven werden laut Rahmenvertrag von den ÖBB geordert, 30 Stück sind bereits fix bestellt. "Ab Juni werden vier Loks pro Monat ausgeliefert", erklärt Projektleiter Klaus Ronge. Ab dann werden sie das Bahnbild beherrschen. Eingesetzt werden die Loks im Güter- wie auch im Personenverkehr.

Heute, Montag, wird die erste, elektrisch betriebene ÖBB-Vectron-Lok mit einer Sektflasche - wie sonst nur Schiffe - auf dem Praterstern eingeweiht. Bahnchef Andreas Matthä und Siemens-Vorstand Wolfgang Hesoun präsentieren den roten Flitzer höchstpersönlich der Öffentlichkeit. Immerhin 160 km/h kann er erreichen, mit Umbau wären sogar bis zu 230 Stundenkilometer möglich.

Der KURIER durfte das Wunderwerk der Technik mit der ÖBB-Ordnungsnummer 1293-001 bereits am vergangenen Freitag in Matzleindsorf bestaunen und die Lokomotive sogar rund 100 Meter auf einem sicheren, schnurgeraden Nebengleis mit bis zu zehn km/h selbst bewegen. Dabei zeigte sich, dass es für einen Laien ganz schön schwierig ist, so eine gewaltige Lokomotive zu beherrschen.

"Wir suchen ohnehin gerade Leute", meint Instruktor Wolfgang Korpics, der jeden Handgriff genau überwacht und jederzeit den roten Notstopknopf drücken kann. 39 Wochen dauert aber allein die Grundausbildung, erst nach rund einem Jahr darf man tatsächlich allein auf die Strecke. Doch die Bedienung ist gar nicht so leicht: Gas geben per Joystick, Bremsen per eigenem Hebel, das Verschubsignal im Auge behalten, und der Fuß des Reporters landet so nebenbei statt auf der Totmannschaltung am Signalhorngeber. Den Funkverkehr übernehmen indes die Profis, für jede Bewegung muss eine Freigabe eingeholt werden - ähnlich wie im Flugverkehr. Das wäre für den Laien ohnehin zu viel beim ersten Versuch.

Die neue Lok ist aber selbst für die Profis ungewohnt, hat sie doch kein unmittelbares Seitenfenster am Führerstand. Am Anfang hat dies viele verunsichert, aber mittlerweile sehen das die meisten Lokführer als Vorteil, heißt es. So kommt kein Sonnenlicht von der Seite hinein, der die Lesbarkeit des Dienst-Tablets stört. Und für die Bahnsteigsicht gibt es ohnehin Kameras.

Auch die Technik im Inneren der Lok ist jedenfalls gewaltig. Außer den Führerständen auf beiden Seiten ist nur ein ganz kleiner Korridor als Durchgang übrig, enger als in einem Flugzeug. Den Rest an Platz nehmen Kühlsystem und automatische Bremssysteme wie ETCS ein. Die Kräfte, die auf so eine Lok wirken sind jedenfalls gewaltig: Bis zu fünf Kilometer kann der Bremsweg mit einem voll beladenen Zug betragen. Auch der Stromverbrauch ist enorm: "Die ÖBB zahlen 200 Millionen Euro pro Jahr allein für den Strom", berichtet Ronge. Deshalb werden Lokführer auch extra geschult, "verbrauchsschonend" zu fahren. Ein weiteres Thema ist natürlich die Sicherheit, die Vectron hat einen neuen, besseren Aufprallschutz.