Chronik | Österreich
09.10.2017

Drogenschwemme in ganz Europa

Rekordumsatz für die Kartelle. Europol: "Jede Woche kommen zwei neue Drogenarten".

"Die Leute haben Angst vor Terror und Migration, aber der große unsichtbare Killer sind eigentlich die Drogen", sagt Les Fiander, Leiter einer Suchtgift-Einheit bei Europol. 24 Milliarden Euro gaben die Konsumenten innerhalb der EU im Vorjahr für Drogen aus, heuer werden es 31 Milliarden Euro sein. So viel wie noch nie. Das ergaben ganz aktuelle Analysen von Europol. Für Österreich gibt es keine eigenen Zahlen, heimische Drogenfahnder sehen aber einen ähnlichen Trend, wie sie gegenüber dem KURIER berichten.

Kokainboom

"Derzeit kommen jede Woche bereits zwei neue Drogenarten auf den Markt", berichtet Zoltan Nagy, zuständig für Operationen bei Europol. Die Ursachen für den nunmehrigen Boom im Drogenhandel sind allerdings vielfältig. Dass die Polizei sich momentan mehr mit Terror beschäftige als mit Suchtgift, sei nur eine davon. Denn vor allem die Mengen, die auf den Markt gelangen, nehmen rasant zu. So soll es nach Ansicht von Experten im Friedensprozess in Kolumbien einen geheimen Zusatzparagraphen geben, der den FARC-Rebellen den Kokainverkauf ermöglicht. "Es gibt keinen Beweis dafür, aber es wird seit 2015 kaum mehr Kokain dort sichergestellt", sagt Nagy.

Damit drängt mehr von dem weißen Pulver auf den Markt, und mehr Angebot führe automatisch zu mehr Kunden. Außerdem wird der Stoff immer reiner. Bei Heroin – wegen der schlechten Sicherheitslage in Afghanistan ebenfalls verstärkt auf dem Markt – ist man bereits bei einem Reinheitsgrad angelangt, dass es für die Kunden leistbar wird, die Droge zu schnupfen statt zu spritzen. Dadurch wiederum werden neue Kundensegmente angesprochen, Heroin erreicht verstärkt die Mittelschicht. Vor allem in den USA ist das bereits ein so großes Problem, das Zeitungen heuer von der "Pest des 21. Jahrhunderts" schreiben. Bereits jeder Fünftausendste stirbt nachgewiesenermaßen an einer Überdosis. Selbst Ehepaare mit Kindern grei-fen bereits zunehmend zum Heroin.

Dazu kommen hochwirksame Drogen wie Fentanyl. Es ist etwa 120-mal so stark wie Morphin, oder anders gerechnet: Es ist nur noch ein Hundertzwanzigstel der Menge an Fentanyl nötig, um genau die gleiche Wirkung zu erzielen.

In Österreich gab es im Sommer den ersten Drogentoten durch U-47700, eine ähnlich potente Substanz. Ein Gramm ist im Internet um lediglich 30 Dollar erhältlich – mit dieser Menge kommt ein Süchtiger bei täglichem Konsum bis zu einem halben Jahr durch. Dadurch steigt auch die Gefahr einer zu hohen Dosierung: "Wenn ich die Wahl hätte, russisches Roulette zu spielen oder diese Droge zu nehmen, dann würde ich den Revolver nehmen. Da sind meine Überlebenschancen höher", meint ein Ermittler des Bundeskriminalamts in Wien.

Auch das Darknet verstärkt den Drogenboom. Damit können selbst in Regionen Drogen bestellt werden, in denen das bisher kein Thema war, meinen Fahnder. Das Bundeskriminalamt wertet mit einer neuen Einheit aus, wer sich derzeit Drogen liefern lässt. Dabei stellt sich heraus, dass selbst in so manchem kleinen Ort etwa in Ober- oder Niederösterreich auch mal Suchtgift im Kilobereich bestellt wird.

Hotspot

In Österreich steigt die Zahl an Drogentoten seit 2014 wieder, gleiches gilt für die Anzeigen durch die Polizei. Zum Hotspot entwickelte sich zuletzt Kärnten, wo es heuer mit neun Drogentoten so viele Opfer gibt wie seit vielen Jahren nicht mehr. Es entspricht auch der Tendenz, dass das Durchschnittsalter der Konsumenten (aber auch der Dealer) stetig sinkt: Kein einziger der Toten in Kärnten war mehr als 30 Jahre alt.