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Chronik | Österreich
10/15/2018

Die Wege aus dem Verkehrschaos

Der KURIER hat fünf Verantwortliche aus der Branche gefragt, was sich in Zukunft ändern muss.

Österreich steuert auf ein Verkehrschaos zu, das zudem die Umwelt extrem belastet – zumindest, wenn sich in den nächsten Jahren nicht drastisch etwas ändert. Laut Statistik Austria stieg die Zahl der Pkw-Neuzulassungen 2017 um 7,2 Prozent auf 353.320 und erreichte den zweithöchsten jemals gemessenen Wert. Nur 3088 Autos waren E-Fahrzeuge. Über dieses Problem hat der KURIER in einer hochkarätigen Runde diskutiert.

Die Experten sind allesamt maßgeblich in die Gestaltung des Verkehrs der Zukunft involviert, so auch Theresia Vogel, Geschäftsführerin des Klima- und Energiefonds. „Wir bauen Elektromobilität seit zehn Jahren auf, und die Menschen sind auch bereit, sich darauf einzulassen. Aber es braucht die entsprechende Infrastruktur. Wenn ich E-Autos auf die Straße bringe, aber nicht genug Ladestationen habe, wird das nicht funktionieren. Die Zeit drängt.“ Für die Vorstandsdirektorin der Asfinag, Karin Zipperer, sind bei der Frage nach der Infrastruktur aber auch reelle Zahlen entscheidend: „Im Moment gibt es von der Asfinag alle 100 Kilometer eine E-Ladestation auf den Autobahnen. Das ist ein Henne-Ei-Problem. Wir müssen uns am Bedarf orientieren. Wenn es mehr E-Autos gibt, werden wir auch weiter investieren.“

Praxisfern

Laut dem Fahrschulchef Werner Fichtinger von Easy Drivers gibt es aber Probleme, Fahrschüler an das Thema E-Mobilität heranzuführen: „Wir können Elektromobilität sehr schwer an die jungen Menschen heranbringen. Es kann zwar jeder in Österreich die Führerschein-Prüfung mit einem E-Auto machen, aber das sind Automatik-Autos und man hat dann einen darauf eingeschränkten Führerschein. Das macht natürlich keiner.“

Die Bundesregierung hatte vor zwei Wochen angekündigt, Anreize für Fahrer von E-Autos zu schaffen. So sollen etwa die Busspuren für sie geöffnet werden. Außerdem dürfen Lenker von E-Autos künftig die Luft-100er Beschränkung auf Autobahnen ignorieren. Sofort kam Kritik aus den Ländern, Verkehrsminister Norbert Hofer ( FPÖ) will die Maßnahmen aber notfalls zwangsweise umsetzen, indem er sie in der StVO verankert.

Diesen Zwang sieht Verkehrspsychologin Bettina Schützhofer von „Sicher unterwegs“ kritisch: „Zwang ist im Regelfall wenig zielführend. Bei dem Thema geht es um soziales Lernen. Wenn mein Nachbar ein E-Auto fährt und mir positiv darüber berichtet, dann wird das für mich auch interessant.“ Wolfgang Berger vom Institut für Verkehrswesen an der Boku glaubt hingegen, dass es auch einen gewissen Zwang braucht: „Wenn wir Regeln haben, die irgendetwas nicht mehr ermöglichen, dann regieren die Menschen sehr rasch.“ Berger selbst hält beispielsweise die Möglichkeit, als E-Auto-Pendler aus Niederösterreich ein Parkpickerl für einen Bezirk in Wien kaufen zu können, für eine Option. Der Verkehrsexperte hofft außerdem, dass die Bundesländer mehr auf lokale Verkehrskonzepte setzen und investieren.

Güterverkehr

Einig sind sich die Experten in dem Punkt, dass selbstfahrende Autos noch nicht in naher Zukunft auf Österreichs Straßen unterwegs sein werden. Aber: „Die Transportunternehmen beklagen, dass sie kaum Fahrer bekommen. Wenn die nicht zu finden sind, wird sich die Technologie in dem Bereich bestimmt schneller weiterentwickeln. Ich glaube, dass sich da sehr bald etwas tun wird“, sagt Zipperer von der Asfinag.

Der Straßenerhalter hat bereits jetzt ein Pilotprojekt auf der A2 gestartet, bei dem selbstfahrende Autos schon jetzt unterwegs sind. Als nächste logische Entwicklung sieht Zipperer „Platooning“. Das ist ein System, bei dem mehrere Lkw mithilfe einer elektronischen Steuerung in sehr geringem Abstand automatisch hintereinanderfahren. Wird Platooning Realität, müssten sich die Regeln auf den Autobahnen verändern. Denkbar wäre zum Beispiel, dass die Lkw dann auf der linken Spur unterwegs sind, sodass Pkw gefahrlos von der Autobahn abfahren können.