Chronik | Österreich
15.11.2018

Die Spätfolgen des Bombenkriegs

Relikte der Luftangriffe sind noch im Boden. Bewusst danach zu suchen wäre zu teuer.

Vor einer Woche ist es schon wieder passiert: Ein Arbeiter stieß in Graz mit der Schaufel seines Baggers auf eine Fliegerbombe. Das 250 Kilogramm schwere Relikt aus dem Zweiten Weltkrieg war funktionstüchtig und tauchte auf, weil die Mur wegen des Baus des neuen Kraftwerks umgeleitet worden ist.

Es war bereits der dritte Blindgänger, der im Zuge der Bauarbeiten zur Staustufe Puntigam entdeckt wurde. Vermutlich wird es auch nicht der letzte gewesen sein, denn die Alliierten warfen über Graz rund 30.000 Bomben ab. Historiker schätzen, dass fünf Prozent von ihnen nicht detoniert sind.

Die Stadt Graz besitzt einen Bombenkataster, in dem 190 Verdachtspunkte eingezeichnet sind: Stellen, an denen Krater von Einschlägen zu sehen sind. Die Blindgänger an der Mur waren nicht darunter, denn das Verzeichnis zeigt nur eine Momentaufnahme: Ein Luftbild vom 5. April 1945, geknipst aus einer Maschine der US-Luftwaffe. Doch die Alliierten griffen Graz im Jahr 1943 56-mal von der Luft aus an.

Rote Zonen

Seit 2004 wurden in Graz 18 Blindgänger entdeckt und entschärft, alle im Zuge von Bauarbeiten. Sie lagen in den ausgewiesenen roten Zonen des Katasters, hauptsächlich in der Nähe des Bahnhofs. Die übrigen offenen Verdachtspunkte vorsorglich zu prüfen sei nicht angedacht, beschreibt jedoch Wolfgang Hübel, Sicherheitsmanager im Magistrat. „Das ist praktisch unmöglich. Die Masse liegt auf Privatgründen, da haben wir gar keine rechtliche Möglichkeit.“

Sondierungen mit Detektoren seien darüber hinaus problematisch, weil diese bei jeder Art Metall anschlagen würden, etwa bei Kanalbauten. Auch die Suche auf rein städtischem Grund sei „unfinanzierbar“, bedauert Hübel, betont aber gleichzeitig, dass so eine Nachschau auch nicht mehr Sicherheit bedeute als jetzt. „Man kann einiges von den Verdachtspunkten sicher streichen, an einigen Stellen ist ja schon gebaut worden.“ So wurde etwa das Rosarium am Opernring als Verdachtsfall ausgewiesen, doch beim Bau einer Tiefgarage wurde nichts entdeckt.

1999 wurde die erste Version des Katasters erstellt, damals mit noch rund 600 Verdachtspunkten. Dank Digitalisierung konnten sie auf ein Drittel reduziert werden. Solange die Bomben nicht direkt mit einem Presslufthammer oder einer Baggerschaufel bearbeitet werden, dürfte auch relativ wenig passieren, schätzt Hübel: „Sie sind ja schon beim Aufschlag nicht detoniert.“

150 Jahre

Allerdings gibt es auch Ausnahmen, perfide Ausnahmen. Die britische Luftwaffe hatte auch Bomben im Einsatz, die über zwei Zünder verfügten, einer davon bewusst mit Zeitverzögerung. Sie konnten zwischen einer und 150 Stunden nach Aufprall hochgehen: Schuld war ein Säurezünder, dessen Inhalt sich erst durch ein Zelluloidblatt fressen muss, damit die Bombe detoniert. Bomben dieser Bauart können bis zu 150 Jahre halten.

In Graz wurde nachweislich erst eine davon entdeckt. Die ging dann aber auch hoch: Der Blindgänger, der im März 2011 am Hauptbahnhof gesprengt wurde und zahlreiche Fensterscheiben bersten ließ, hatte so einen zweiten Zünder.