Julia, Pascal und Klara in ihrem Bus, der alles kann

© Kurier/Gilbert Novy

Chronik Österreich
06/13/2021

Urlaubsgrüße aus dem Wohnmobil

Die große Freiheit auf vier Rädern: Zu Besuch bei Menschen, die am liebsten heute hier und morgen dort sind

von Valerie Krb, Barbara Mader, Katharina Salzer

„Camper sind ein eigenes Volk“, sagt Martin und nimmt einen Schluck von seinem Kaffee. Der 57-Jährige aus Brandenburg sitzt in kurzer Hose und Crocs auf einem Klappsessel vor seinem Wohnmobil am Campingplatz Wien-West. Es ist früh, viele schlafen noch. Nur das Rauschen der Autos auf der Hüttelbergstraße stört die absolute Ruhe.

Martin meint das mit dem „eigenen Volk“ durchaus positiv. Camper seien naturverbunden, hilfsbereit und würden Rücksicht aufeinander nehmen. Zumindest sei das früher einmal so gewesen.

Seit Corona gibt es viele Neuzugänge. Das belegen auch Zahlen der Statistik Austria. Wohnmobile verzeichneten 2020 unter allen Fahrzeugarten den höchsten Zuwachs an Neuzulassungen: ein Plus von 74 Prozent. Dieser Trend setzt sich heuer fort. Im Mai 2021 waren es erneut knapp 78 Prozent mehr als im Jahr davor.

Hannes Fikota, Bereichsleiter vom Campingplatz Wien-West, spricht von einem regelrechten Camping-Boom. „Viele wollen seit der Corona-Pandemie keine weiten Reisen mehr machen. Wohnmobile sind vielerorts ausverkauft, der Markt ist leer gefegt.“

Hier, am Rande des Wienerwaldes, komme man derzeit bei 170 Stellplätzen zwar nur auf eine Auslastung von etwa 30 Prozent. Es fehle noch das kulturelle Angebot der Stadt. Fikota: „Aber die Campingplätze an Seen sind schon voll.“ Und für den Sommer hat er schon viele Anfragen.

Warum man überhaupt Ferien auf vier Rädern machen soll, das können Pascal und Julia ziemlich genau beantworten. Am Dach ihres Camping-Cars kann man in der Sonne chillen und Cocktails genießen. Unten, wenn man will, sogar ein Huhn braten. Besser eignet sich aber Eintopf, weil: nur ein Topf. Der Herd ist klein. Außerdem schlafen, duschen und vor allem: durch ganz Europa tingeln – wann man will, wohin man will. Ein weißer Ford Transit bedeutet für die beiden die große Freiheit. Ihr Bus ist Transport, Unterkunft und Fernweh-Verhinderer in einem.

Im Juli 2020 hat sich das junge Paar den großen Kastenwagen angeschafft und liebevoll ausgebaut, um bei jeder Jahreszeit spontan in ein neues Abenteuer starten zu können. Und das ziemlich bequem. On the Road mit 160-Zentimeter Doppelbett, warmer Dusche und Standheizung. Getestet bereits bei minus acht Grad am Hochschwab. „Ich bin ständig am Handwerken“, sagt Pascal, der von Holzarbeiten bis Elektrik alles selbst gemacht hat. Wieso er das kann? „Ich war in der HTL.“ Hier hat also tatsächlich einer in der Schule für das Leben gelernt.

Der Bus wird ohne Gas betrieben, gekocht wird mit Induktion, Warmwasser gibt’s auch elektrisch. Am Dach liegen vier Solarpaneele. Im Sommer ist man, wenn man nicht ununterbrochen duscht und kocht, autark. Insbesondere in der Corona-Zeit ist es das, was viele wollen.

Unabhängig und frei, das will auch Konrad sein. Der Rosenheimer und seine Frau verbringen eine Woche auf dem Campingplatz am Wiener Stadtrand. Eigentlich wollte das Paar aus Bayern nach Kärnten, aber dort war Schlechtwetter angesagt. Also fuhren die beiden spontan nach Wien.

In Hotels will der 62-jährige Pensionist nicht mehr. Er mag keine Kleidervorschriften. „Und ich will immer mein eigenes Bett dabei haben.“ Außerdem habe er viel Geld für sein Wohnmobil ausgegeben und will es dementsprechend nutzen. Fahrzeuge dieser Marke gibt es ab 60.000 Euro. Konrad und seine Frau haben das Wohnmobil bei einer Ausstellung in Düsseldorf entdeckt, und sich „gleich in diesen Wagen verliebt“.

Auf den Campingplatz Wien-West verschlägt es vor allem Österreicher und Deutsche, auch dieser Tage stammen die meisten Urlauber aus dem Nachbarland. „Hier ist das deutsche Eck“, nennt es Martin aus Brandenburg und hofft auf ein Lächeln des Gegenübers.

Der Campingplatz unweit der Fuchs-Villa gehört dem Verkehrsbüro, das auch den Platz an der Neuen Donau betreibt, der vor allem bei Jüngeren beliebt ist. Er sperrt am 1. Juli auf. Außerdem jenen in der Breitenfurter Straße im Süden Wiens. Letzterer stellt auch Plätze für Dauercamper und wird vor allem von Saisonarbeitern genutzt. Mit Ende des Sommers wird er geschlossen, ein Park soll auf dem Areal entstehen.

Campingplätze gibt’s in allen Größen und Ausführungen, von luxuriös bis leicht heruntergekommen. Mindestens so unterschiedlich wie Ausstattung und Flair sind die Regeln, wer was wo darf. Das ist nicht nur europaweit, sondern auch in Österreich recht unterschiedlich. Am unkompliziertesten sind wieder einmal die Skandinavier. Dank des sogenannten „Jedermannrechts“ darf man sein und bleiben, wo man will.

Bis nach Skandinavien hat’s der aktuelle Bus von Pascal und Julia noch nicht geschafft, aber immerhin war er von Hochschwab bis Attersee umtriebig. Sein Vorgänger, ein grüner VW-Bus, ebenfalls selbst ausgestattet, trieb sich gern am Gardasee herum. Pascal stammt aus einer camping-affinen Familie, er hat schon als Bub viel mit dem Papa gezeltet. Julia hat das Campen erst mit Pascal entdeckt und lieben gelernt. „Es ist so komfortabel. Im Bus hast du dein Bett und deine Dusche und bist auch nicht auf den Campingplatz angewiesen. Du stellst dich auf ein schönes Platzerl und kannst, je nachdem, wo es erlaubt ist, ein, zwei Nächte bleiben.“

Die Mittelklasse: Der Klassiker unter den Camping-Fahrzeugen erlebt  seit Corona  einen Hype mit  teils  langen Wartezeiten. Bei beliebten Marken wie Dethleffs geht es  ab 50.000 Euro los

Der Luxuriöse: Die Story der US-Marke Airstream begann 1931  mit Wally Byams Traum, einen Anhänger zu bauen, der mit geringstem Widerstand durch den Wind gleitet. Ab  75.449 Euro 

Der Reduzierte: Derzeit erobern Mikro-Wohnwägen für  E-Bikes den Markt. Das B-Turtle vom Wiener Start-up GentleTent etwa bietet zwei Schlafplätze und kostet ca. 3.000 Euro

Ihre Freiheit auf vier Rädern vermieten Pascal und Julia auch. In den vergangenen Monaten allerdings so oft, dass sie jetzt recht froh sind, einmal selbst damit unterwegs zu sein. Demnächst geht’s nach Slowenien.

Auch Martin und seine Frau wollen noch diese Woche aufbrechen, vielleicht nach Podersdorf, aber man entscheide – wie immer – spontan. Die schönsten Campingplätze seien jene, auf denen die Menschen hilfsbereit seien. „Da geht einem das Herz auf“, gerät er ins Schwärmen. Für so viel Herzenswärme nehme er auch gerne in Kauf, dass es beim Camping nun mal beengter sei. Allerdings, schränkt er ein, sei die Hilfsbereitschaft zusehends am Schwinden.

Dass mit dem Camping-Boom neue, rauere Umgangsformen auf den Plätzen Einzug halten, meint auch eine Jungfamilie aus München. Das schränke die gesuchte Freiheit deutlich ein. Martin wird konkreter: „Die Leute stellen sich kreuz und quer, die Ellenbogen werden ausgefahren. Letztens habe ich jemanden beobachtet, der sein Abwasser in den Gulli geschüttet hat, das macht man nicht.“

Martin aus Brandenburg hofft, dass mit Ende der Pandemie auch der Camping-Trend wieder zurückgeht. Vielleicht aber brauchen die Neuen auch nur ein wenig Zeit, um sich die ungeschriebenen Gesetze am Campingplatz anzueignen.

Unerlaubtes Wildcampen kann bis zu 14.500 Euro kosten

Eines lässt sich für ganz Österreich sagen: Im Wald darf nur mit der Erlaubnis des Eigentümers gezeltet oder campiert werden. Damit ist aber auch schon Schluss mit der Einheitlichkeit. In den Bundesländern gelten unterschiedliche Regelungen beziehungsweise sind sie unterschiedlich formuliert und in anderen Gesetzen geregelt.  
In Kärnten ist es in der sogenannten  freien Landschaft verboten, außerhalb von behördlich bewilligten Campingplätzen und Freiflächen wie Vorgärten, Haus- und Obstgärten zu zelten oder Wohnwagen abzustellen. Bei Missachtung drohen Geldstrafen von bis zu 3.630 Euro.
In Niederösterreich ist das Auf- und Abstellen von Wohnwagen im Grünland außerhalb von genehmigten Campingplätzen verboten. Ein Verstoß kann bis zu 14.500  kosten.
Auch in Wien darf man seinen Wohnwagen nicht außerhalb von Campingplätzen aufstellen. Es drohen aber „nur“ Strafen  bis zu 700 Euro. 
Im Burgenland ist das Zelten mit weniger als zehn Personen für maximal drei Nächte erlaubt. Das freie Stehen mit dem Wohnmobil ist jedoch nicht gestattet und kann mit Strafen von bis zu 3.600 Euro geahndet werden.
In Oberösterreich ist Zelten und Übernachten für den „Fußwanderverkehr“ im alpinen Ödland oberhalb der Baumgrenze und außerhalb von Weidegebieten erlaubt. Ansonsten gibt es keine Bestimmungen, die sich ausdrücklich auf die Zulässigkeit oder das Verbot des Campens beziehen.
In Vorarlberg muss der Bürgermeister das Campen untersagen. Sonst ist es erlaubt. So ist es auch in Salzburg
In der Steiermark gibt es keine eigenen Bestimmungen, die das Campen regeln.   
In Tirol ist es verboten außerhalb von Campingplätzen zu campieren (Strafe bis zu 220 Euro). Eine der Ausnahmen: Campingausflüge von Schulen oder Jugendorganisationen.  
Infos zu den gesetzlichen Regelungen unter www.oesterreich.gv.at.
Der Freiheit, wo man sein Campingbus abstellen darf, sind auch in anderen europäischen Ländern Grenzen gesetzt. Informieren Sie sich über die Regelungen in den jeweiligen Urlaubsländern.  

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