Chronik | Österreich
02.10.2017

Die Gefahr durch manipulierte Lkw

Unfälle sind um zehn Prozent gestiegen, immer mehr Unternehmer tricksen bei Ruhezeiten.

Es sind viele Hunderte Straßenkilometer, die von den Beamten der Verkehrsabteilung in Niederösterreich tagtäglich überwacht werden müssen. Unfälle mit Lastwagen gehören da zum Tagesgeschäft. Um die Situation zu beschreiben, reicht aber auch ein Blick in die Statistik: Im Jahr 2016 waren österreichweit 1291 Lkw mit über 3,5 Tonnen an Unfällen beteiligt. Zum Jahr 2015 bedeutet dies eine Steigerung von mehr als zehn Prozent. Und immer wieder müssen die Polizisten den Angehörigen auch traurige Nachrichten überbringen. Denn Unfälle mit Lkw-Beteiligung sind in Österreich für jedes achte Todesopfer im Straßenverkehr verantwortlich.

Unachtsamkeit, zu wenig Sicherheitsabstand, Alkohol, Fremdverschulden – Lkw-Unfälle können viele Ursachen haben. Mittlerweile ist man sich bei der Polizei aber sicher, dass ein Faktor eine immer größere Rolle spielt, dem bislang offensichtlich noch zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde: Die Manipulation der Kontrollgeräte in den Fahrzeugen. Diese Geräte dienen unter anderem der Aufzeichnung von Lenk- und Ruhezeiten. Geht es nach der Gewerkschaft vida, kann man längst nicht mehr von Einzelfällen sprechen. So sollen EU-weit 30 bis 40 Prozent der Lastautos manipuliert sein, für Österreich liege der Wert demnach bei 10 bis 15 Prozent.

Tachonadel auf null

"Schaltet man dieses Gerät unerlaubterweise ab, dann steht die Tachonadel auf null. Der Lenker sieht nicht mehr, wie schnell er fährt", sagt Willy Konrath, stellvertretender Leiter der Landesverkehrsabteilung Niederösterreich. Dadurch, so Konrath, würde die Unfallgefahr enorm steigen. Dazu kommt noch, dass durch die Manipulation der Bordelektronik in vielen Fällen auch die Bremsassistenten und Getriebeschaltung nicht mehr richtig funktionieren.

KriminellAuch Konrath ist der Meinung, dass sich die Fälle in den vergangenen Jahren gehäuft haben. Denn oftmals liege System dahinter. So konnte heuer im Süden Niederösterreichs ein Transportunternehmer ausgeforscht werden, der digitale Kontrollgeräte im großen Stil verändert haben soll. Mitarbeiter einer Kfz-Werkstätte, die als Komplizen fungiert haben sollen, arbeiteten die vorgeschriebenen "Überprüfungen" der Schwerfahrzeuge schließlich immer ohne Beanstandungen ab. KURIER-Informationen zufolge sollen schon weitere Firmen im Visier der Fahnder stehen. Eine Flut an Anzeigen stehe bevor, heißt es.

Laut Konrath werde es nun eine Aktion scharf gegen diese tödliche Gefahr auf der Straße geben.

"Wir werden noch mehr Überprüfungen durchführen. Außerdem sollen auch die Mitarbeiter der Staatsanwaltschaften hinsichtlich dieser Problematik speziell geschult werden, damit wirklich alle auf dem letzten Stand der Dinge sind."

Betroffene sollen mit aller Härte bestraft werden

In der Güterbeförderungsbranche gibt es eine so genannte "Todsündenliste". Unter dieser strengen Bezeichnung ist die EU-Verordnung 2016/403 bekannt. Sie regelt unter anderem die Einstufung schwerwiegender Verstöße, die zur Aberkennung der Zuverlässigkeit von Kraftverkehrsunternehmern führen können.

Manipulationen des Fahrtenschreibers gehören zu den Verstößen der schwersten Kategorie. Ebenso wie Fälschungen von Schaublättern oder Fahrerdaten. Wem solche Vergehen nachgewiesen werden, dem kann bereits beim ersten Mal die Gewerbeberechtigung entzogen werden.

"Maßlos enttäuscht" ist Karl Gruber, Obmann der nö. Güterbeförderer, nach Bekanntwerden der Tachomanipulationen durch heimische Transporteure. "Ein österreichisches Unternehmen setzt mit solch einem Vorgehen seine Existenz aufs Spiel und bringt die ganze Branche in Verruf. Eine Branche, die eigentlich auf Transparenz und Fairness setzt."

Gruber fordert jetzt rasch Konsequenzen und regt eine gemeinsame Aktion der Behörden, der Polizei und der Sozialpartner an: "Gegen diese kriminellen Machenschaften müssen wir vorgehen. Die betroffenen Unternehmer sollen mit aller Härte bestraft werden."

Dass mit einer Tachomanipulation auch Sicherheitseinrichtungen eines Lkw praktisch zur Gänze außer Kraft gesetzt werden, sei ein Risiko, das kein verantwortungsvoller Transportunternehmer eingehen dürfe. "Das ist im Sinne der Verkehrssicherheit kriminell und absolut unverantwortlich", sagt Gruber. Zusätzlich steige bei einer Tachomanipulation jede Versicherung im Schadensfall aus.