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Chronik Österreich
08/20/2021

Die Buchhaltung der Frau Sacher

Apropos Millionenbetrug im legendären Hotel.

von Georg Markus

Die Frau Sacher würde sich im Grab umdrehen, wüsste sie, was in ihrem weltberühmten Hotel passiert ist: Dass eine Buchhalterin aus der Hotelkassa 4,1 Millionen Euro abgezweigt hat. Allerdings stand es um die Buchhaltung der Anna Sacher auch nicht zum Besten. Die Fälle sind zwar nicht vergleichbar, aber in der Geschäftsgebarung der Frau Sacher ging es, jedenfalls in ihren späteren Jahren, drunter und drüber.

Es war 1989, als mir Carla Sacher, eine Cousine der Anna, die sie noch persönlich gekannt hat, dies anvertraute: „Nach dem frühen Tod ihres Ehemannes Eduard lernte Anna die große Liebe ihres Lebens kennen, den Gutsverwalter Schuster, die graue Eminenz beim Baron Rothschild. Als der Herr Schuster im Ersten Weltkrieg starb, hat sich die Anna Sacher aus lauter Verzweiflung statt ums Hotel nur noch um Pferdewetten gekümmert und auf dem Rennplatz praktisch das Sacher verspielt. So gelangte es in den Besitz der Familie Gürtler, der das Hotel heute noch gehört.“

Annas Geldgeber

Julius Schuster, Zentraldirektor im Bankhaus Rothschild, war nicht nur Liebhaber, sondern auch Berater und Geldgeber der Anna Sacher: Den brauchte die 48-jährige Witwe ganz besonders im Jahr 1907, als sie ein dem Sacher benachbartes, vierstöckiges Haus in der Maysedergasse kaufte, womit das aus allen Nähten platzende Hotel erheblich vergrößert werden konnte. In dem neuen Trakt wurden weitere Gästezimmer, ein Restaurant und Separees errichtet, die sich als Rendezvousplätze adeliger Herren mit Ballettmädchen und Vorstadtschönen größter Beliebtheit erfreuten. Da Anna Sacher nicht über das nötige Geld verfügte, um das Nachbarhaus zu finanzieren, war der wohlhabende Julius Schuster mit einem großzügigen Darlehen zur Stelle.

Schuster übergab Anna Sacher in den folgenden beiden Jahren aus seiner Privatschatulle mehrere Schuldscheine in Höhe von insgesamt 670.000 Kronen (heute rund 3,8 Millionen Euro).

Auf die Spur zu den Darlehen, die Julius Schuster seiner Geliebten überließ, kam die Sacher-Biografin Monika Czernin, als ihr der Verlassenschaftsakt nach Julius Schuster in die Hände fiel.

Zahlungsunfähig

Die hohe Summe, die Herr Schuster der Anna Sacher lieh, dürfte sie nie retourniert haben, sie war auch nicht in der Lage dazu. Denn so tüchtig Anna Sacher in jungen Jahren war, war sie später zahlungsunfähig. 1930 starb sie im Alter von 70 Jahren.

Laut ihrem Testament hat die Frau Sacher ihre beiden Kinder aus der Ehe mit Eduard Sacher enterbt, was insofern keine Rolle spielte, als es sowieso nichts zu erben gab. Vier Jahre nach dem Tod der Prinzipalin meldete das Sacher Konkurs an. Nun kaufte der Anwalt Hans Gürtler und das Hotelierehepaar Siller das vollkommen heruntergekommene Hotel. Für das Sacher begann eine neue Ära.

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