Chronik | Österreich
09.09.2017

Deutsch verbindet 20 Muttersprachen in der Klasse

Grazer Direktoren fördern den Spracherwerb auch spielerisch mit Chor und Theater.

"Ich habe hier zwei Cousinen in einer Klasse", schildert Brigitte Swatek. "Zu Hause sprechen sie in ihrer Muttersprache. Aber hier in der Schule sprechen sie Deutsch. Auch miteinander. Für sie ist Schule deutsch."

Swatek ist Direktorin der Volksschule Afritsch in Graz. 103 Kinder hatte sie im vergangenen Schuljahr - aus rund 20 Nationen. 101 von ihnen hatten Deutsch nicht als Muttersprache. Wenn am Montag die Taferlklassler in die Schule kommen, ist unter ihnen keiner mit deutscher Muttersprache: Sie sprechen Russisch, Türkisch, Bosnisch, Rumänisch und noch 13 Sprachen mehr.

Die Sprache, die sie verbindet, kann dann also nur eine sein: Deutsch. "Deutsch ist die Unterrichtssprache und auch die, in der sie sich unterhalten können", betont Swatek. Kinder seien sehr einsichtig, auch wenn es größere Gruppen mit derselben Muttersprache gebe. "Man muss es ihnen einfach erklären. Das funktioniert, da brauch’ ich keinen Zwang."

Freilich, das Unterrichten sei schwieriger, der Wortschatz der Kleinen eingeschränkt. 20 Jahre lang ist Swatek bereits an der Schule, ihr fielen Unterschiede auf. Während österreichische Kinder oft nur so sprudelten vor Erzählungen über kleine Abenteuer, würden Kinder von Migranten eher schweigen. Aber das sei nicht nur eine Sprachbarriere, befürchtet Swatek: "Mir kommt vor, ihnen fehlen die Erlebnisse."

Ein Projekt, ihnen Erlebnisse und Sprachgefühl spielerisch näher zu bringen, läuft seit drei Jahren erfolgreich: Die Kinder singen. Die Hälfte der Klassen macht bereits bei "Superar" mit, einem Chorprojekt. Vier Mal pro Woche wird geübt, es gibt Auftritte von der Oper bis zur " Langen Nacht der Kirchen", wo auch die großteils muslimischen Kinder begeistert mitmachen. "Sie singen in 15 Sprachen", schildert Swatek. "Und die Eltern sind so stolz. Wenn wir die Kapazitäten hätten, würde ich alle Klassen singen lassen."

Jede Abstufung

In der Volksschule St. Andrä hat Alexander Loretto die gleiche Situation: 163 Kinder, 160 mit nicht-deutscher Muttersprache. "Die Kinder wissen, dass sie Deutsch sprechen müssen", betont der Direktor. "Das ist ein selbstverständlicher Zwang, damit man sie versteht." Natürlich gebe es Anlaufschwierigkeiten: "Es gibt Kinder, die sind hier geboren und sprechen so gut Deutsch wie jedes andere. Dann gibt es Flüchtlinge, die gar kein Deutsch verstehen. Dazwischen findest du jede Abstufung."

Auch er fördert die Kinder spielerisch: Es gibt eine Theatergruppe, im Vorjahr gab es eine Kooperation mit einer oststeirischen Neuen Mittelschule. Da trugen dann die Grazer Volksschüler Gedichte im Dialekt vor und führten die Oststeirer im Gegenzug durch eine Moschee oder lehrten arabische Schriftzeichen. "Sprache oder Religion waren kein Thema", erinnert sich Loretto. "Das ist ganz normal gelaufen. Die Kindern haben gleich WhatsApp-Gruppen gebildet und sind in Kontakt geblieben."