Chronik | Österreich
15.08.2018

„Der Zeitplan entgleist erneut“

Reisende sehen historischen Durchschlag nüchtern: Bahnbetrieb sei ja noch Zukunftsmusik.

Für die Österreichischen Bundesbahnen war der gestrige Dienstag ein historischer Tag, für die Reisenden einer wie jener andere. Dass der Durchschlag im Koralmtunnel gelang und die Steiermark nun mit Kärnten verknüpft ist, lässt die Bahn-Kunden kalt, wie eine KURIER-Umfrage ergab. Denn noch werden viele Jahre vergehen, bis die Koralmbahn Fahrt aufnehmen kann und die ÖBB-Nutzer halten weitere Pannen und Verzögerungen für wahrscheinlich.

Am Dienstag, kurz nach 11.30 Uhr, war es so weit: da traf 1200 Meter unter der Erdoberfläche der Koralm die Tunnelvortriebsmaschine „Mauli 1“ aus der Steiermark kommend punktgenau auf jenen Stollen, der vom Lavanttal vorangetrieben worden war. Eine der beiden 33 Kilometer langen Koralm-Röhren ist damit realisiert.

Der sechstlängste Eisenbahntunnel der Welt kann sogar mit einem Weltrekord aufwarten: Exakt 17.127 Meter hat „Mauli 1“ seit dem Jahr 2013 vom steirischen Leibenfeld aus in der Südröhre zurückgelegt – das bedeutet die weltweit längste durchgehende Vortriebsleistung unter diesen Bedingungen.

Händisch freigelegt

Immerhin galt es auf den letzten Kilometern, außergewöhnliche Umstände im kristallinen Gebirgsabschnitt zu meistern. Mehrmals mussten die Megabohrer händisch freigelegt und flott gemacht werden. Rund fünf Kilometer fehlen von Kärntner Seite aus noch bis zum zweiten Durchstich in der Nordröhre des Tunnelprojekts. Diese absolviert Tunnelbohrer „Kora“, der 2015 vom Lavanttal aus gestartet ist.

Der Koralmtunnel gilt als Kernstück der insgesamt 5,4 Milliarden Euro teuren Kor-almbahn, des aktuell größten in Ausführung befindliche Projekts zum Ausbau des österreichischen Eisenbahnnetzes. Bei Baubeginn im Jahr 2008 war die Inbetriebnahme für 2020 in Aussicht gestellt worden, das wurde später auf 2024 korrigiert und im März dieses Jahres von Verkehrsminister Norbert Hofer ( FPÖ) auf 2026. Am Dienstag erklärten die Bundesbahnen in einer Aussendung, dass die Hochleistungsstrecke bereits im Dezember 2025 in Betrieb gehen werde.

Die Strecke GrazKlagenfurt wird dann in 45 Minuten zu bewältigen sein (derzeitige Fahrzeit drei Stunden), WienKlagenfurt in 2:40 Stunden, wenn auch der Semmering-Tunnel fertig ist (aktuell 4 Stunden). „Das ist Zukunftsmusik, die mir heute wenig nützt“, sagt Manfred Meisterl. Er tritt am Klagenfurter Hauptbahnhof seine Fahrt nach Graz an. „Wer weiß, was bis 2025 oder 2026 passiert. Der Zeitplan wird wieder entgleisen“, ist er überzeugt.

Kunden bremsen

„Ich glaube ebenfalls nicht, dass sie es bis 2026 schaffen. Das wird sicher noch einmal nach hinten verschoben, da es sich um einen öffentlichen Auftrag handelt“, ergänzt Fahrgast Werner Pressien. Ordensschwester Claudia sagt, sie hoffe sehr, dass die Bahn wie angekündigt in Betrieb gehe. „Dann stünde einem Tagesausflug in die Steiermark nichts im Wege, jetzt ist der Umweg über Bruck groß“, erklärt sie.

„Studium beendet“

Die Klagenfurterin Melanie Gastaiger ist auf dem Weg nach Graz. Dort wird sie im September ihr Studium beginnen, aktuell bezieht sie ihre Wohnung in der steirischen Landeshauptstadt. „Zur Inbetriebnahme habe ich schon viele Jahreszahlen gelesen. Bis die Koralmbahn fährt, werde ich mein Studium beendet haben“, meint sie lächelnd.

Während sich Hannelore Danzl freut, dass sich künftig die Reisezeit zu ihrer Mutter nach Wien in Grenzen halten wird, sieht Paloma Fantur das gesamte Projekt kritisch. „Wenn man bedenkt, was die Bahn kostet und welch Eingriff in die Natur getätigt wurde, fragt man sich schon: ist das nötig?“