Eines von rund 350 bekannten Tiefkühlhäusern in der Steiermark (Preding, 1968)

© Klaus Seiner

Chronik Österreich
07/03/2021

Der Dorfeiskasten: Wie Tiefkühlhäuser das Leben revolutionierten

In den 1950er-Jahren errichteten Gemeinden Kühlanlagen mit Fächern zum Mieten. In der Steiermark sind einige noch in Betrieb.

von Elisabeth Holzer

Leutschach, 1951. Als das neue Gebäude im Ort eröffnet wurde, lockte das Schaulustige in Massen an. Ein Tiefkühlhaus wurde schließlich nicht alle Tage eingeweiht. „So etwas war in den 1950er-Jahren schon eine Revolution“, beschreibt Uni-Professorin Anita Ziegerhofer. „Ein Tiefkühlhaus hat den Menschen erstmals die Möglichkeit gegeben, etwas längerfristig aufzubewahren – ob das jetzt frisches Fleisch nach einer Schlachtung war oder auch eine Torte. Das musste man ja zuvor alles sofort verwenden.“

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es einen regelrechten Bauboom solcher Tiefkühlanlagen in der Steiermark, die von Verbänden betrieben wurden. Allein in dem Bundesland haben Ziegerhofer und Kulturanthropologe Helmut Eberhart mittlerweile den Nachweis über rund 350 Stück: In den Tiefkühlhäusern gab es Fächer, die gemietet werden konnten ein Dorfeiskasten zur gemeinschaftlichen Nutzung.

Seit dem Vorjahr folgen Ziegerhofer und Eberhart der eisigen Spur durch die Steiermark. „Ich habe mich daran erinnert, dass es in meiner Heimatgemeinde so ein Tiefkühlhaus gegeben hat“, beschreibt die Historikerin die Beweggründe der ungewöhnlichen Forschungsarbeit. „Da habe ich mich dann einfach gefragt, wo sind diese Häuser hin? Gibt es sie noch?“

Tatsächlich meldeten sich auf den Aufruf der beiden Wissenschafter viele Bürgermeister, aber auch Privatpersonen, die von solchen Anlagen berichteten und Fotos schickten. Rund 60 sind sogar noch mit unverändertem Konzept in Betrieb, in Lannach in der Weststeiermark beispielsweise: Das Tiefkühlhaus wurde 1958 gegründet und erst vor wenigen Jahren derart aufgerüstet, dass es sogar einem Blackout eiskalt standhalten würde.

Kurse zum Einfrieren

Die meisten Tiefkühlhäuser wurden jedoch umfunktioniert oder abgetragen: Es entstanden Geschäfts- oder Vereinslokale daraus oder die Fläche wurde für Garagen genützt, berichtet Helmut Eberhart. Das lag daran, dass sie einfach nicht mehr gebraucht wurden: Je größer der persönliche Wohlstand, desto mehr Tiefkühlschränke oder Eistruhen wurden in den Wohnhäusern aufgestellt. Dabei wäre das Konzept des gemeinschaftlichen Zugangs ein durchaus modernes, das sich mit dem Trend zum regionalen Einkauf verknüpfen ließe, überlegt Ziegerhofer. „Man lässt bei seinem Bauern schlachten und das Fleisch dann gleich in größeren Mengen einfrieren.“

Das wäre ein vergleichbarer Weg wie jener der 1950er-Jahre, als die Tiefkühlhäuser erstmals in der Steiermark auftauchten. Vor den Gemeindekühlhäusern gab es nur traditionelle Methoden, Nahrungsmittel haltbar zu machen, wie einlegen oder pökeln. Einfrieren und die Möglichkeiten, die sich damit bieten, waren kaum bekannt. Aus dem Grund gab es sogar Kurse, wie Tiefkühlgut zu behandeln ist.

Doch der Dorfeisschrank war mehr als bloß eine Aufbewahrungsstelle für Lebensmittel: Ein Teil des Gemeindelebens spielte sich in ihrem Umfeld ab. „Vor allem für die Frauen im Dorf war das auch ein Ort der Kommunikation“, betont Ziegerhofer. „Anders als Männer hatten sie in den 1950er-, 1960er-Jahren nicht so leicht die Möglichkeit, zum Stammtisch ins Wirtshaus zu gehen.“

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