Der Karl-Marx-Hof ist  mit 1.100 m der längste zusammenhängende Wohnbau der Welt.

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Chronik Wien WohnKURIER
06/02/2019

100 Jahre Gemeindebau: Am Anfang war die Not

Fast schon Kulturerbe und jedenfalls historisch einzigartig ist der Wiener Gemeindebau.

Die Geschichte des Gemeindebaus begann in der Zwischenkriegszeit, als die Wohnsituation in Wien kaum noch zu ertragen war: Zwei Drittel der Bevölkerung lebten unter katastrophalen Bedingungen.

Mit dem Bauprogramm des „Roten Wien“ legte 1919 Bürgermeister Jakob Reumann den Grundstein zum sozialen Wohnbau, Anfang der 1920er-Jahre beschloss die sozialdemokratische Stadtregierung bereits den Bau von tausenden Wohnungen.

Ziel war es, leistbaren Wohnraum und mehr Lebensqualität zu schaffen. So fanden und finden bis heute nicht nur Wohnungen in den Gemeindebauten Platz, sondern auch Geschäfte und soziale Einrichtungen wie Kindergärten bis hin zu Büchereien oder Zahnkliniken.

Promi- und Prototypen

Den Prototyp schuf Architekt Hubert Gessner mit dem Metzleinstalerhof in Margareten: Der Schüler und Mitarbeiter Otto Wagners entwarf eine für diese Zeit untypische, großzügige Hofanlage. Die Stiegen waren über den Innenhof zu erreichen, sodass Kinder sicher ins Grüne gelangen konnten.

Vorbild für die Höfe waren die Klostergärten des Mittelalters. 1927 wurde mit dem Bau des Karl-Marx-Hofes (1.353 Wohnungen) begonnen, 20 Jahre später folgte Per-Albin-Hanson Siedlung, 1966 entstand die Großfeldsiedlung mit 5.530 Wohnungen, um nur einige Beispiele zu nennen.

Pamela Rendi-Wagner, Dagmar Koller und Co.

Heute lebt jeder vierte Wiener im Gemeindebau – und befindet sich damit in bester Gesellschaft, denn auch etliche Prominente aus Kunst, Sport und Politik sind in diesen Wohnanlagen aufgewachsen, darunter etwa Pamela Rendi-Wagner, Dagmar Koller und Helmut Zilk, Hans Dichand oder Herbert Prohaska.

Die Vorteile für die Mieter einst wie heute: günstiges Wohnen, langfristig orientierte Mietverhältnisse, begrünte Anlagen und eine Hausverwaltung, die auf die Substanz der Häuser achtet.

Mit der Planung der städtischen Wohnhausanlagen werden traditionellerweise renommierte österreichische Architekten beauftragt. Ihre Entwürfe sind oft richtungsweisend für den kommunalen Wohnbau in Europa.

Aktuelle Fakten

62 Prozent der Wiener leben im sozialen Wohnbau.

Mehr als 500.000 Wienerinnen und Wiener bewohnen 220.000 Gemeindebauwohnungen, 4.000 neue kommen demnächst dazu.