Thomas B. (mit seinem Dolmetscher, re.) wurde in Ketten vorgeführt

© APA/MTI/Zoltan Gergely Kelemen

Ungarn
10/22/2013

"Cop-Killer"-Prozess: Angeklagter an der Kette vorgeführt

Salzburger bestreitet, einen Polizisten absichtlich überfahren zu haben: „Ich bin kein Mörder“

von Nihad Amara

Angeleint wie ein Hund wird Thomas B. in den Saal 235 im Landesgericht Szeged, Ostungarn, geführt. An seinen Handfesseln blitzen die silbernen Handschellen. Hinter ihm hält ein Justizwachebeamter eine Lederschlaufe, die in eine grobgliedrige Metallkette übergeht und mit einem schwarzen, ledernen Hüftgurt an B. befestigt ist.

Es ist ein Sinnbild dafür, für wie gefährlich der ungarische Staatsanwalt und die hiesige Öffentlichkeit den 35-Jährigen halten. Der Salzburger ist wegen Mordes „an einer öffentlichen Person“ angeklagt. Imre Kenéz hieß der Motorradpolizist, den er am 11. Oktober des Vorjahres in Apátfalva mit seinem tonnenschweren Hummer überfahren und getötet hat. Trotz erheblicher Zweifel an der Version vom „vorsätzlichen Mord“ hielt Staatsanwalt Csaba Nagy an dem Vorwurf fest. Dem Mechaniker droht lebenslange Haft.

Der Dolmetscher wartet bereits auf einer der beiden dunkelgrün bezogenen Anklagebänke auf B., dahinter setzen sich die drei Justizwachen. Einer zurrt die Kette fest.

B. will heute nicht reden. Erst nach den Aussagen der 28 Zeugen will er am hölzernen Rednerpult vor dem Einzelrichter das Wort ergreifen.

Stattdessen referiert Richter Attila Joó die bisherigen Aussagen des Salzburgers. Und diese zeichnen ein Bild von einem völlig aus dem Ruder gelaufenen Polizeieinsatz, der von ausufernder Gewalt geprägt war.

Rückblende: Der Mechaniker und drei Deutsche fahren mit vier Hummer-Wagen von einer Offroad-Tour in Rumänien über Ungarn nach Hause. Nach dem Grenzübertritt fassen sie ein Strafmandat aus – 170 Euro wegen Schnellfahrens. „Abzocke“, mutmaßen die Abgestraften, auch, weil der Reihe nach nur Ausländer zur Kasse gebeten wurden. Sie zahlen dennoch. Der Tross will dann weiterfahren. Jetzt kommt der Salzburger ins Spiel: „Ich bin zum zivilen Polizeifahrzeug hingefahren, um zu sehen, ob die überhaupt ein Radargerät haben.“ Der Zivilbeamte fühlt sich bedroht, heftet sich hinter B. und ruft Verstärkung.

Was nun geschieht, ist auf Video zu sehen. Ein Hummer-Fahrer filmte mit und spielte es im Vorjahr dem KURIER zu (siehe unten).

B. fährt weiter, trotz seiner Verfolger, die längst ihr Blaulicht und Folgetonhorn aktiviert hatten. Der Österreicher provoziert laut Protokoll, streckt dem Motorradpolizisten Attila Ö. den Mittelfinger entgegen. Dann zeigt das Video, wie sein Fahrzeug ausschert und Ö. touchiert. „Absicht“, sagt der Staatsanwalt. B. entgegnet: „Ich wollte niemanden gefährden.“ Zu sehen ist auch, wie Polizist Ö. während der Fahrt auf den Hummer tritt.

Polizeischüsse aus Pkw

Drei Schüsse fallen. Der Zivilfahnder hatte auf B. gefeuert. Warum blieb der Salzburger nicht sofort stehen? Seine Kollegen hätten ihn angefunkt. „Die schießen auf dich.“ Er erklärt: „Ich hatte panische Angst und wusste nicht, was ich tun soll.“

Endlich hält B. seinen Wagen an. Imre Kenéz parkt sein Motorrad vor ihm am rechten Grünstreifen, sein Kollege Ö. bleibt auf Höhe des Hummers stehen, steigt ab und sprintet zur Fahrerseite.

Der Österreicher beteuerte stets, er sei durchs offene Fenster mit Pfefferspray attackiert worden. Eine Film-Szene passt zur Aussage, ohne aber Details zu verraten: Zu sehen ist, wie der ausgestreckte Arm des Polizisten im Cockpit verschwindet. Er habe „eine Hand im Gesicht, die andere am Knopf“ des Fensterhebers gehabt und „nichts gesehen“, als plötzlich explosionsartig eine Abgaswolke aufsteigt, sein Fahrzeug nach rechts ausbricht und Kenéz niederfährt. „Ich bedaure, dass das vorgefallen ist“, sagt B. Mehrfach findet sich im Akt folgender Satz: „Ich bin kein Mörder.“

Die Situation eskaliert vollends. B. will weder ein Messer gezückt noch nach einer Pistole gegriffen haben. Das behauptet Polizist Ö., der 14 Schüsse auf den 35-Jährigen und dessen Fahrzeug abgibt. 14 Minuten vergehen. In dieser Zeit kümmert sich niemand um Kenéz.

Ein für Dienstag geladener Zeuge erschien nicht. Einem verlesenen Gutachten zufolge ist der Angeklagte egoistisch und leicht reizbar. Die zwölf Gutachter sind ab Jänner an der Reihe. Einer muss klären, ob B.s Lenkung lädiert war, so wie er das behauptet.

Im Publikum saßen auch B.s Frau und der österreichische Konsul in Budapest, Erich Pialek: „Ich beobachte, ob der Prozess fair und objektiv abläuft.“ Widersprüche gibt es: Eine Chemikerin fand in B.s Gewand keine Pfefferspray-Spuren. Später sagte ein Polizist aus: Bei B.s Festnahme wurde einer eingesetzt. Fortsetzung: Donnerstag.

Nihad Amara, Szeged

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