Chronik | Österreich
29.05.2017

Gesetzeslücke: Chinesische Prostituierte tarnen sich als Asylwerber

Vor drei Jahren gab es offiziell lediglich zwei chinesische Etablissements in Österreich. Mittlerweile sind es 75 "Asia-Studios", Tendenz steigend. Schlepper finanzieren Einreise der Frauen durch ihre Grundsicherung.

Die sogenannten "Kontakte" und "Clubmassagen" in Boulevardmedien sind schon fest in chinesischer Hand: "Sexy Asiagirls" und "Top Asia-Studios" dominieren die Kleinanzeigen. Das Rotlicht ist derzeit im Wandel – und mittlerweile von Chinesen beherrscht. Der Marktpreis liegt bereits bei nur mehr bei 30 bis 50 Euro pro Akt, teilweise ohne Schutz. Auch hier positioniert sich Fernost als Billiganbieter.

Verstärkt wird dieser Trend durch eine Gesetzeslücke, die de facto ein Sponsoring dieses regen Treibens darstellt. Erfahrene Rotlicht-Kriminalisten sprechen hinter vorgehaltener Hand sogar von "staatlich gefördertem Menschenhandel". Offiziell dürfen sie es nicht sagen, die Polizei hat zu dem brisanten Thema sogar zeitweise ein Interviewverbot für ihre Beamten verhängt.

Das Innenministerium nennt hingegen offizielle Zahlen: Knapp 500 chinesische Prostituierte sind bereits gemeldet. "Vor drei Jahren gab es zwei chinesische Bordelle in Österreich mit rund 30 asiatischen Prostituierten. Derzeit sind es bereits 75 Etablissements", erklärt Gerald Tatzgern, Österreichs ranghöchster Ermittler in Sachen Menschenhandel und Prostitution.

Gesetzes-Missbrauch

Der Hebel dahinter funktioniert folgendermaßen: Die Chinesinnen reisen nach Österreich, teilweise werden ihnen Studienplätze versprochen. Hier angekommen, müssen sie um Asyl ansuchen. Drei Monate lang bleiben sie damit in der Grundversorgung, die Kosten für den Transport übernimmt somit auf Umwegen der Steuerzahler, denn das Geld müssen die Betroffenen oft an ihre Hintermänner abliefern. Per Gesetz dürfen Asylwerber nach drei Monaten ein freies Gewerbe anmelden. Gedacht wäre zum Beispiel daran, dass sie diverse Kurse anbieten können. Doch auch Prostitution fällt darunter, weshalb die Chinesinnen bis zum rechtskräftigen Asylbescheid nach ein oder zwei Jahren im Rotlicht arbeiten dürfen, die Genehmigung ("Deckel") inklusive. Am Ende erhält nur nur etwa jeder vierte chinesische Asylwerber einen positiven Bescheid, manche bekommen aber subsidiären Schutz. Diese Methode funktioniert so gut, dass sie seit einigen Monaten von nigerianischen Kartellen kopiert wird.

Auch Tatzgern sieht einen zunehmenden "Missbrauch". Bisher gestalteten sich die Ermittlungen im chinesischen Rotlicht-Milieu aber schwierig. Im vergangenen Jahr wurden bei der "Operation Seqing" zwar 150 Opfer ei-nes Menschenhändlerrings in Österreich entdeckt, aber selbst das Innenministerium betitelte die dazugehörige Pressemeldung so: "150 Opfer und keine Aussage".

"Gast-Kriminalisten"

Tatzgern versuchte deshalb einen besonderen Coup einzufädeln. Erstmals überhaupt wurden chinesische Polizisten als Ermittler nach Europa gelotst. Ein sechsköpfiges, hochrangiges Kriminalistenteam aus Peking und der Provinz Sichuan war deshalb bis gestern, Sonntag, fast zwei Wochen lang in Österreich im Einsatz.

55 Lokale (auch China-Restaurants) wurden überprüft. Dabei wurden elf Opfer von Menschenhändlern befreit und weitere elf Personen festgenommen. Die chinesischen Beamten befragten und halfen bei den Ermittlungen. Erstmals sprachen die Opfer, erklärt der stellvertretende Sektionschef des Innenministeriums in Peking, Chen Shiqu. Dem KURIER gab er als einzigem Medium ein Interview. Dabei betonte er, dass "China ganz entschieden gegen den Menschenhandel vorgeht. Dieses Delikt wird bei uns sehr hart bestraft, fünf Jahre sind die Mindeststrafe. Es gab auch schon einige Fälle von lebenslangen Haftstrafen. Wir haben hier neue Spuren gefunden, denen wir zu Hause nachgehen werden, wir wollen das unterbinden."

Noch wichtiger als die Bilanz sind die geknüpften Kontakte. Shiqu sicherte den österreichischen Ermittlern zu, dass China Verdächtige künftig auf Anfrage identifizieren werde. Auch damit ist Österreich Vorreiter in Europa.