Chronik | Österreich
19.03.2018

"Bremse hätte wirken müssen"

Experte meint, Sicherheitseinrichtung hätte Bahn zum Stehen bringen müssen.

Ein Sessellift, der rückwärts ins Tal rast. Sportler, die in Panik abspringen und Menschen, die durch die Luft geschleudert werden. Auch drei Tage nach dem Liftunfall im georgischen Urlaubsort Gudauri herrscht Unklarheit, wie es zu dem aufsehenerregenden Vorfall kommen konnte. Bis zu zwölf Personen sollen verletzt worden sein – offizielle Bestätigungen dazu gibt es nach wie vor nicht.

Zwei Mitarbeiter der Vorarlberger Herstellerfirma Doppelmayr sind noch am Freitag nach Georgien gereist. Erst am Sonntag wurden sie im Beisein der Behörden an den Unfallort vorgelassen (der KURIER berichtete). Die beiden Mitarbeiter dürften zudem selbst nichts anfassen, sondern seien laut Doppelmayr-Sprecher Ekkehard Assmann nur Beobachter.

Notantrieb aktiviert?

Während sich die Firma Doppelmayr bedeckt hält, bringt der außergewöhnliche Unfall auch andere Skilifthersteller zum Nachdenken: Wie kann so etwas passieren?

Einer, der sich damit auskennt, ist Michael Tanzer von Leitner ropeways mit Sitz unter anderem in Telfs in Tirol. "Als ich die Videos gesehen habe, habe ich Gänsehaut bekommen. Da bleibt einem die Spucke weg. Es ist das Schlimmste, das passieren kann, wenn Personen zu Schaden kommen", sagt Tanzer. Er habe mit seinen Kollegen über mögliche Unfallursachen diskutiert. "Dass eine Seilbahn rückwärts so schnell fährt, funktioniert nur, wenn sie mit Notantrieb fährt. Dass der Motor rückwärts läuft, gibt es nicht. Durch einen Stromausfall könnte der Notantrieb aktiviert worden sein. Das wäre eine Erklärung", meint er.

Laut oberster Seilbahnbehörde im Verkehrsministerium hat jede Seilbahn drei Bremssysteme: eine elektrisch wirkende Motorbremse und zwei mechanische – die Betriebs- und Sicherheitsbremse. "Diese sind unabhängig voneinander. Erreicht der Motor eine Überdrehzahl von mehr als 105 Prozent, sollte die Betriebsbremse zum Wirken kommen. Ist diese defekt, muss die Sicherheitsbremse einfallen", erklärt Hersteller Tanzer.

Laut Seilbahnbehörde ist jede Bahn zusätzlich mit einer Handauslösung der Sicherheitsbremse ausgerüstet, die bei Versagen der Technik händisch ausgelöst werden kann. Außerdem sollte bei Aktivierung auf Notantrieb selbsttätig die Sicherheitsbremse einfallen. "Das geht in der Regel automatisch, es gibt aber auch einen Notknopf ", sagt Tanzer.

Untersuchungen laufen

Für den Skilift-Experten macht es daher den Eindruck, dass die Ursache bei den Bremsen liegt. "Es muss ein unglaubliches Zusammenspiel von mehreren Sachen gewesen sein. Die Sicherheitsbremse hätte die Seilbahn aber in jedem Fall zum Stehen bringen müssen."

Wann es erste Untersuchungsergebnisse gibt, kann Doppelmayr-Sprecher Assmann nicht sagen. "Natürlich liegt es in unserem Interesse, das schnellstmöglich aufzuklären. Aber das ist nicht in unserer Hand, wir müssen auf die georgischen Behörden warten", betont Assmann. Am Montag habe es weitere Besprechungen und Begehungen gegeben. Wann die Georgier erste Informationen preisgeben, ist offen.