Bauer sucht Hof: Neue Wege für landwirtschaftliche Betriebe in NÖ

„Perspektive Landwirtschaft“ vermittelt zwischen Betrieben ohne Nachfolge und jungen Menschen mit Hofplänen.
Kühe auf dem Bauernhof

Freitagnachmittag fanden sich in einem Gmünder Hotel Landwirtinnen und Landwirte ein, die sich Gedanken über die Zukunft ihrer Höfe machen. Sie alle eint, dass sie keine Kinder haben, die den Betrieb übernehmen. Neben ihnen im Seminarraum saßen junge Menschen, die gerne einen landwirtschaftlichen Betrieb führen würden, allerdings niemandes Hof in Aussicht haben.

„Ich habe immer von einer Landwirtschaft geträumt, allerdings dachte ich, dass sich das nicht realisieren lässt. Boden ist so teuer, dass wir uns nicht einfach einen Betrieb aufbauen können“, meint ein 38-jähriger Mostviertler. Nun hat er eine Perspektive gefunden: Den Verein „Perspektive Landwirtschaft“. Dessen Ziel ist es, das Höfesterben zu bremsen – immerhin seien seit den 1950er-Jahren die Hälfte der Betriebe verloren gegangen, wie Geschäftsführerin Margit Fischer dem KURIER erläutert. 

Man brauche nicht weniger, sondern mehr Bäuerinnen und Bauern und eine kleinstrukturierte und vielfältige Landwirtschaft tue der Umwelt und Biodiversität gut. „Wir haben hier eine Differenz: Auf der einen Seite junge Menschen, die in die Landwirtschaft einsteigen wollen und auf der anderen Seite haben 50 Prozent der Landwirtinnen und Landwirte über 50 Jahre keine Nachfolger“, erklärt Fischer. Eines der Ziele des Vereins ist es, diese beiden Gruppen zusammenzubringen.

„Ich bin gelernte Landwirtin, habe aber keinen Hof.“

von Conny Neuwirth

Beteiligt sich bei dem Projekt

20 Übergaben pro Jahr

Zum einen bei Veranstaltungen, wie jener in Gmünd, wo man sich austauschen und kennenlernen kann, zum anderen über eine Online-Plattform. Dort sind derzeit 120 Höfe online und 400 Personen, die einen suchen. Laut dem Verein würden pro Jahr rund 20 Übergaben durchgeführt – vermutlich mehr, denn man wisse nicht über alle erfolgreichen Zusammenfindungen Bescheid.

Ein älterer Mann und eine junge Frau sitzen nebeneinander vor einer holzvertäfelten Wand.

Leo und seine Frau suchten lange, bis sie Conny (re.) fanden.

Auf der Plattform ist auch Leo Strohmayer (69) aus Arbesbach im Bezirk Zwettl registriert. „Wir sind seit zehn Jahren dabei. Drei Mal dachten wir schon, dass wir jemanden gefunden hätten, der den Hof übernimmt – das endete allerdings in keinen guten Erfahrungen. Mit Conny und Lukas schaut das jetzt gut aus“, sagt er und wendet sich an die 30-jährige Mostviertlerin neben ihm. „Ich bin gelernte Landwirtin, habe aber keinen Hof. Den elterlichen Betrieb führt mein Bruder. Im August haben wir Leo und seine Frau gefunden“, erklärt sie. 

Das Waldviertler Ehepaar ist kinderlos, der Betrieb hat 15 Hektar Wald und Eigengrund, dazu ein paar Tiere. Die Strohmayers werden am Hof wohnen bleiben, Conny Neuwirth wird mit ihrer Familie zu ihnen ziehen, allerdings in einen komplett getrennten Wohnbereich. „Jeder braucht seine Privatsphäre“, betont Leo Strohmayer. So lange er und seine Frau noch können, wollen sie im Betrieb mitarbeiten, Conny Neuwirth wird die Betriebsführerin, ihr Partner ist und bleibt erwerbstätig. So ist der Plan der beiden Familien. Sie haben eine Probezeit von einem Jahr vereinbart.

Eine Probezeit zu vereinbaren, rät auch die Juristin Cornelia Leitner von der Landwirtschaftskammer NÖ, sie klärt an diesem Freitagnachmittag über Rechtliches bei einer außerfamiliären Hofnachfolge auf. „Die kann auch auf mehrere Jahre vereinbart werden. Das ist sinnvoll, wenn das Eigentum einmal weg ist, bekomme ich es nicht so leicht wieder.“

Tabuthema

Drum prüfe, wer sich ewig bindet. Viele Fragen sollten zunächst geklärt werden: Etwa über das gemeinsame Wohnen am Betrieb – wer finanziert bauliche Maßnahmen, die notwendig sein könnten, um eine räumliche Trennung zu erhalten. Während der Probezeit rät die Expertin dazu, einen Pachtvertrag oder eine Leihe (wenn kein Geld vereinbart wird) zu vereinbaren bzw. abzuschließen. Auch eine Erwachsenenadoption sei eine Option, zuvor brauche man allerdings eine fünf Jahre andauernde Hausgemeinschaft.

Für Hofübergebende und Hofübernehmende gibt es viele rechtliche Fragen zu bedenken und im Vorhinein abzuklären. Auch wenn die Übergebenden Kinder haben, sie aber außerfamiliär übergeben, haben die Kinder einen Erbanspruch. Fragen rund um die Hofübergabe beantworten sowohl die Bezirksbauernkammern als auch die Landwirtschaftskammer NÖ.

Bei den Veranstaltungen lernen sich nicht nur Jung und Alt kennen. Die Betroffenen können sich auch untereinander austauschen. „Leider ist es oft ein Tabuthema, über das kaum gesprochen wird, wenn es für einen Hof am Ende einer langen Kette von Familienübergaben keine Nachfolger mehr gibt. Entweder sind keine Kinder da oder sie wollen es nicht – oft wird das als Scheitern empfunden. Aber das muss es nicht. In vielen anderen Bereichen und Branchen ist das auch so, dass es keine Betriebsnachfolge gibt“, führt Margit Fischer aus. 

Ihrer Meinung nach sei es ein Fortschritt, dass heute die Kinder von Landwirtinnen und Landwirten die Freiheit haben, sich zu entscheiden, viele Generationen seien gezwungen worden. Der negative Nebeneffekt: Viel Höfe haben keine Nachfolge. Der positive: Es können jene Landwirte werden, die es gerne machen.

„Wir müssen miteinander leben und da müssen wir uns auch umeinander kümmern.“

von Leo Strohmayer

Suchte eine Landwirtschaft

„Der Hof ist bei den meisten mehr als nur Finanzielles. Sie wissen, sie könnten verkaufen und dann eine Weltreise machen. Viele wollen aber am Hof alt werden, sie wollen sehen, dass hier wer weitermacht“, meint Fischer. Es sei wichtig, die Richtigen zu finden – es gehe hauptsächlich um das Zwischenmenschliche. 

„Wir müssen miteinander leben und da müssen wir uns auch umeinander kümmern“, betont auch Leo Strohmayer. Ein anderer Landwirt, er hat einen Milchviehbetrieb in Langschlag (Bezirk Zwettl), erzählt, dass er in den letzten zwei Jahren bereits über 30 Anfragen gehabt hätte, aber nichts stimmig gewesen sei. Leo Strohmayer und Conny Neuwirth geben ihm neue Hoffnung.

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