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Chronik Österreich
07/03/2022

Altes Handwerk schützt vor Schnürlregen

Andreas Kirchtag führt schon in vierter Generation eine Schirmmacherei in der Salzburger Getreidegasse. Die edlen Stücke sind gefragt – auch in Krisenzeiten.

von Sabine Salzmann

Der Boden knarrt, an der Werkbank wird geschliffen, geschmiert und gebogen: Wer zum ersten Mal einen Kirchtag-Schirm aufspannt, spürt sofort den Unterschied.

Der stabile, durchgängige Stock aus Hölzern wie Nuss oder Kirsche, die hochwertige Bespannung mit Stoffen aus Italien, die Form, die an ein schützendes Kuppeldach erinnert – es sind Schirme fürs Leben.

Die mechanischen Teile wie Schieber, Krone, Scheibe oder Zwinge werden aus Messing oder Aluminium gestanzt und gefräst. Das geölte Holz „ruht“, bevor es zum Schirmstock wird. Verwendet werden Hölzer wie Nuss, Kirsche oder Ulme. Esche ist aufgrund des Eschensterbens kaum noch verfügbar.

„Die Federn formen wir von Hand aus Klaviersaitendraht“, spannt Kirchtag bei den Materialien den Bogen zur Kultur- und Musikstadt Salzburg. Einzeln eingehängt und durch den Stock angebohrt ist es so stabil, dass ein Kirchtag-Schirm auch als Spazierstock dienen kann.

Die Schirmmacher-Lehre gibt es schon lange nicht mehr. Im traditionellen Handwerk wird das Wissen über Generationen weitergegeben. Wer es einmal kann, lebt dafür, egal ob Künstler oder Handwerker aus anderen Branchen. In der Näherei liegen Stoffballen aus Mailand bereit. Verwendet werden nur gewebte Stoffe: „Damit der Schirm an der Unterseite genauso eine schöne Optik hat.“ Schablonen fürs Zuschneiden der Stoffe sind Familien-Erbe. Wie lange sie schon bereitliegen, kann nicht einmal der Chef genau sagen. Die Gefahr, einen Kirchtag-Schirm irgendwo liegen zu lassen, sieht auch die Verkäuferin im Geschäft nicht: „Auf so ein Produkt passt man einfach auf. Das sagen uns alle Kunden.“

„Eine Schleifmaschine kam  für uns nicht infrage. Wir garantieren Handarbeit und wollen ja keine Fabrik sein“

Andreas Kirchtag | Schirmmacher

Andreas Kirchtags Urgroßvater begann 1903 mit dem Betrieb. Er selbst übernahm in vierter Generation, obwohl er unter sechs Geschwistern ursprünglich in der Elektrobranche seinen Platz sah. Heute ist bei jedem Handgriff viel Leidenschaft dabei: „Sonst macht man es nicht.“ Ob das Schirmemacher-Gen auch in der nächsten Generation durchschlägt, wird sich erst weisen.

Das Geschäft mit dem hochwertigen Regendach brach auch über die Corona-Zeit nicht ein: „Es kommen laufend Kunden in die Werkstatt herauf und stellen sich ihren eigenen Schirm zusammen. Eine Hochzeitsgesellschaft war gerade hier“, verrät er, dass jedes eingeladene Pärchen großzügig verwöhnt wurde. Auch die Stadtführer kommen gern mit Gruppen herauf und Andreas Kirchtag gewährt dann Einblicke in eigentlich schon vergangene Zeiten.

Das Handwerk ist für ihn mittlerweile mehr Liebhaberei als Geschäft. Er vertreibt auch noch andere Produkte im Geschäft. Von den rund 600 in purer Handarbeit gefertigten Schirmen – ein Damenmodell kostet knapp 300 Euro – könnte der Betrieb nicht existieren. Was ihn besonders freut: „Auch junge Leute schätzen die gute Qualität und achten auf die Herkunft.“ Das Bewusstsein sei in den vergangenen Jahren enorm gestiegen. Billigware, die den Markt noch vor einigen Jahren völlig überschwemmte, wurde wieder zurückgedrängt.

Auch Firmen bestellen beim Schirmmacher: wie gerade ein Hotel. Und sogar Red Bull kauft jedes Jahr einige wenige Sonder-Exemplare für die Formel 1 bei ihm ein. Die Schirme aus erlesenen Materialien kommen dann in der Boxengasse zum Einsatz. Auch Stars wie Max Verstappen suchten so schon Schutz vor Platzregen.

Hoffen auf Schnürlregen

Jetzt ist Andreas Kirchtag wohl einer der wenigen, der auf einen nicht allzu heißen und trockenen Sommer hofft. Der typische Salzburger Schnürlregen passt zum Produkt, die Festspiel-Saison kurbelt den Verkauf an. Obwohl: „Unsere Schirme kauft man sich nicht schnell im Vorbeigehen. Das muss wohl überlegt sein.“ Und generell profitiere die Altstadt, wenn nicht alle draußen an den Seen liegen.

Die aktuelle Teuerungswelle bekommt auch er kräftig zu spüren: von der Holzlieferung bis zum Imprägnieren der Stoffe. Noch habe er viel Ware auf Vorrat im Lager, er könne die Entwicklung aber noch nicht abschätzen.

Wetterfest ist Andreas Kirchtag mit seinem Betrieb auf jeden Fall: Neuerdings nehmen auch Sonnenschirm-Bestellungen zu. Seit er im Geschäft auch Modelle für die Hitze im Garten oder auf Balkonien ausstellt, werden immer mehr drauf aufmerksam. Genäht wird natürlich in der eigenen Kirchtag-Werkstatt.

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