Vollverschleierte Frauen mit Nikab

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Chronik Österreich
04/29/2019

"Alles für Allah": Warum Terroranschläge nicht die größte Gefahr sind

Der Historiker Heiko Heinisch und die Politologin Nina Scholz warnen vor der Ausbreitung des politischen Islam.

von Yvonne Widler

„Alles für Allah. Wie der politische Islam unsere Gesellschaft verändert“, so lautet der Titel Ihres aktuell erschienenen Buches. Der erste Satz lädt auch gleich zur ersten Frage ein: „Wir haben ein Problem mit dem islamischen Mainstream.“ Was verstehen Sie hier unter Mainstream und was ist das Problem?

Nina Scholz: Wir thematisieren in unserem Buch jene Gruppierungen, die Religion nicht als Privatsache oder spirituelle Angelegenheit auffassen, sondern als ganzheitliches politisch-religiöses Konzept, das den Alltag und die Lebensweise jedes einzelnen Mitglieds der Communitys bis hinein in intime Bereiche bestimmen soll. Das beinhaltet auch eine gesetzgebende Komponente, Staat und Gesellschaft sollen nach islamischen Regeln umgestaltet werden. Entsprechende Organisationen sind in allen Einwanderungsländern aktiv, in denen muslimische Communitys existieren.

Heiko Heinisch: Wir verstehen darunter eine fundamentalistische Lesart, die sich seit 40 Jahren in den islamischen Ländern und dann von dort Richtung Europa ausgebreitet und als Mainstream durchgesetzt hat.

 

Können Sie diese Communitys und Organisationen quantifizieren?

S: Eine Quantifizierung ist schwierig, aber Studien deuten darauf hin, dass eine signifikante Anzahl gläubiger Muslime fundamentalistischen Vorstellungen zustimmt. Muslime, die eine liberale Auffassung ihrer Religion vertreten und hier als gut integrierte Bürgerinnen und Bürger leben, fallen uns nicht weiter auf. Wahrgenommen werden oft nur jene, die versuchen, fundamentalistische Vorstellungen etwa von der Rolle der Religion in der Gesellschaft, vom Zusammenleben der Geschlechter oder von der Kindererziehung in die Gesellschaft und den öffentlichen Raum zu tragen und mit Berufung auf Religionsfreiheit Rücksicht, Akzeptanz oder, wie es oft heißt, Respekt zu fordern. Was islamistische Organisationen betrifft, können in Europa etwa 200 Organisationen der Muslimbruderschaft zugerechnet werden. In Österreich zählt dazu etwa die ‚Liga Kultur‘. Ein wesentlicher Faktor im Bestreben, islamistische Positionen auch hier zum Mainstream zu machen, ist die türkische Politik mit Erdogans Islamisierungskurs.

H: Das wirkt sich auch auf den staatlich anerkannten Dachverband IGGÖ (Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich) aus. Er wird aktuell von Organisationen dominiert, die wir dem politischen Islam zuordnen: Millî Görüş, die türkische Schwesterorganisation der Muslimbruderschaft und ATIB, der Tochterverband der türkischen staatlichen Religionsbehörde Diyanet. Diese wurde unter Erdogan auf Millî Görüş-Linie gebracht.

Sie warnen in Ihrem Buch eindringlich vor der Unterwanderung politischer Institutionen.

S: Ja, denn bislang wurde der Marsch durch die Institutionen, wie er ideologischen Bewegungen eigen ist, bei Islamisten nicht oder nur punktuell erkannt. Dem Wunsch, Migranten in die Parteien zu holen folgend, interessierte man sich nicht wirklich dafür, welchen Gruppierungen und Ideologien diese anhängen. So kam es, dass Proponenten des politischen Islam in Parteien eintraten und dort zum Teil auch Mandate erlangten.

Und für die Parteien hat das vermutlich auch Vorteile.

H: Neben dem an sich berechtigten Ziel, alle Teile der Gesellschaft einzubinden, spielt natürlich wahltaktisches Kalkül eine Rolle. Man erhoffte sich von Menschen mit Verbindungen in islamische Vereine Stimmen für die Partei. Exemplarisch ist das Beispiel eines Millî Görüş-Mannes in Wien, Resul Ekrem Gönültas, der für die SPÖ kandidierte und 2013 über 12.000 Vorzugsstimmen erhalten hat. Das hat Gewicht.

Was wäre von Seiten der Politik zu tun?

S: Politik und NGOs sollten sich über das islamistische Spektrum ebenso sorgfältig informieren, wie über andere demokratiefeindliche Spektren und nicht mit Gruppen zusammenarbeiten, die in ihren Vereinen oder Moscheen Segregation von der Gesellschaft predigen, islamistischen und antisemitischen Anführern huldigen und ihre Utopie in der Überwindung der freien, pluralistischen und demokratischen Gesellschaft sehen.

H: Unser Buch konzentriert sich darauf, wie eine politisch-islamische Weltanschauung unsere Gesellschaft verändert bzw. schon verändert hat.

Welche Veränderungen sind bereits passiert?

H: Das Klima an bestimmten Schulen hat sich verändert. Immer mehr Kinder aus muslimischen Familien besuchen die Moscheen und Koranschulen und tragen Einflüsse von dort und aus dem Elternhaus in den Schulalltag. Religiöse Peergroups versuchen, ihre Mitschüler und vor allem Mitschülerinnen zum islamkonformen Leben zu nötigen. Schulen sind meist ein Abbild ihres Stadtviertels und können als Seismograph für Entwicklungen gelten, die in naher Zukunft auch andere Bereiche des Zusammenlebens berühren werden. Viele Medien üben heute Selbstzensur, wenn es um den Islam geht. Sie stehen vor der Frage, ob ein Bericht womöglich zu Gewalt führt oder gar das Leben von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gefährdet. Das ist bei keinem anderen Thema in diesem Ausmaß der Fall. Es gibt kaum mehr eine Zeitung, die es wagt, eine Mohammed Karikatur zu drucken.

S: Was mir auch Sorge bereitet, ist der Einfluss fundamentalistischer Islamvorstellungen auf Forschung und Lehre. Vor allem im angelsächsischen Raum, wo Lehrstühle etwa von Katar gezielt finanziert und besetzt werden. Auch fundamentalistische Studentenorganisationen sind mittlerweile an manchen Unis aktiv.

Können Sie konkrete Beispiele nennen?

S: An der Universität Stuttgart etwa hatten solche Studentengruppen immer wieder Teile der Bibliothek für gemeinschaftliches Beten besetzt und andere während dieser Zeit am Betreten der Räumlichkeiten mit der Begründung gehindert, Betende dürften nicht gestört werden. Die Universitätsleitung sah sich zur Änderung der Hausordnung genötigt, um solche „Veranstaltungen“ zu unterbinden. Ähnliche Beispiele häufen sich an deutschen Hochschulen. In Großbritannien werden gar geschlechtergetrennte Vorlesungen gefordert.

In Kopenhagen griffen muslimische Studenten einen Dozenten für arabische und hebräische Sprachen an und forderten, dass er keine Sprachbeispiele mehr aus dem Koran vorlesen solle, weil er das als Nicht-Muslim nicht dürfe. Ein klarer Angriff auf die Freiheit der Forschung und Lehre.

 

Auch die Verhüllung der Frau ist ein Thema, das im Buch vorkommt.

S: Nicht jede Frau, die ein Kopftuch trägt, repräsentiert den fundamentalistischen Islam. Aber islamistischen Organisationen war und ist das Kopftuch zur Markierung von Räumen sehr wichtig. Das haben deren Gründer und Führer immer wieder betont. Neuerdings benutzen sich selbst als feministisch bezeichnende Musliminnen den Begriff ‚sichtbare Muslimin‘, was gleichzeitig vorbildliche Muslimin bedeutet. Seit 40 Jahren beobachten wir eine zunehmende Präsenz islamischer Kleiderordnung bei Frauen, sowohl in der islamischen Welt als auch im Westen. Der Druck, sich zu verhüllen, steigt. Die 2016 erlassene Kopftuch-Fatwa der IGGÖ ist das jüngste Beispiel dafür.

Nach dem Christchurch-Attentat, wo ein Rechtsterrorist 50 Moscheebesucher getötet und etliche weitere verletzt hatte, trug die neuseeländische Premierministerin Jacinda Arden als Zeichen der Solidarität ein Kopftuch. Auf Twitter haben Sie das kritisiert. Warum?

H: Weil ich es für das falsche Signal halte. Einerseits wird damit das Kopftuch zum Symbol des Islam erhoben und offenbar nur die kopftuchtragende Frau als Muslimin angesehen. Das trifft sich mit der islamistischen Propaganda. Um Solidarität auszudrücken, wurde also ausgerechnet das Symbol des fundamentalistischen Islam verwendet.

S: Gegen diese gutgemeinte Geste gab es daher auch Kritik von Musliminnen, die kein Kopftuch tragen. Ich denke, wir können unsere Trauer und Betroffenheit auch ohne Kopftuch ausdrücken. Ein Symbol der Unterdrückung der Frau in weiten Teilen der islamischen Welt sollte nicht als Geste der Solidarität genutzt werden.

Aber es gibt doch liberale Musliminnen, die sagen, sie tragen das Kopftuch freiwillig.

S: Sie haben Recht, viele Musliminnen tragen das Kopftuch freiwillig. Ich bin mir aber nicht sicher, ob man die Befolgung einer vermeintlich von Gott auferlegten Verpflichtung zur Verhüllung der Frau als liberal bezeichnen sollte. Viele Frauen, die das Kopftuch freiwillig tragen und in der öffentlichen Debatte präsent sind, lobbyieren für eine bestimmte Islamvorstellung und gehen mit unterschiedlichen Rechten und Pflichten für Männer und Frauen und einem Konzept der Geschlechtertrennung konform. Sie definieren Feminismus auf gleichberechtigte Teilhabe an der von ihnen vertretenen Ideologie und treten mit der Parole „Frauen ermächtigen“ für reaktionäre Werte ein.

Warum ist für Muslime die Religion noch viel stärker identitätsstiftend als für andere Gruppen von Menschen?

S: Weil Religion in der islamischen Welt, anders als in westlichen Gesellschaften, eine ungebrochene und sehr starke normative Kraft besitzt. In der europäischen Ideengeschichte hat sich eine Philosophie entwickelt, die den einzelnen Menschen und seine Würde in den Mittelpunkt stellt, wodurch er aus einst festgefügten Kollektiven ausbrechen konnte. In der islamischen Welt gab es zwar immer wieder Denker, die einen ähnlichen Weg gehen wollten, aber sie konnten nie eine größere gesellschaftliche Relevanz erlangen.

Grundsätzlich sehen wir die Gefahr des Islam doch eher in Terroranschlägen. Liest man Ihr Buch, so klingt es danach, als sei die größere Gefahr eine andere.

H: Ich halte die stille Unterwanderung durch legalistische Islamisten tatsächlich für die größere Gefahr, weil sie die Gesellschaft in kleinen Schritten verändert. Dabei geht es zunächst darum, Einfluss auf religiöse Communitys zu nehmen und diesen ein Leben nach entsprechenden Regeln zu ermöglichen. Das strikte Befolgen von Regeln, die den Alltag bis in Details hinein bestimmen, erschwert ein friktionsfreies Zusammenleben erheblich, eine fundamentalistische Auslegung des Islam führt unweigerlich zu Segregation. Hinzu kommt eine Haltung der Überlegenheit, Intoleranz und Abwertung aller anderen. Das sind im Übrigen Haltungen, an die Djihadisten anknüpfen können. Der Unterschied zwischen beiden besteht vor allem in den Mitteln – hier Gewalt, dort Marsch durch die Institutionen – und weniger in der Utopie.

Wie reagieren Sie auf den Vorwurf, Sie würden die Situation zu negativ beschreiben?

H: Es gibt natürlich unterschiedliche Einschätzungen. Ich sehe eher die Gefahr, dass Probleme heruntergespielt oder tabuisiert werden. Das ist in letzter Zeit sogar spürbarer geworden. Vor den Wahlen und dem Regierungswechsel hörten wir oft, man dürfe diese Probleme nicht ansprechen, weil das den Rechten helfe. Jetzt sagen Regierungskritiker, das Ansprechen dieser Probleme unterstütze die Regierung. So gesehen wäre der richtige Zeitpunkt nie gegeben. Mir wurde einmal entgegnet, ich fordere mit dem Kopftuchverbot an Schulen doch dasselbe wie Heinz-Christian Strache. In Wirklichkeit ist es so, dass Strache nun fordert, was ich seit vielen Jahren vertrete. Ich sehe keine Veranlassung, deshalb meine Meinung zu ändern.

S: Zu meiner Überraschung sind die Reaktionen auf unser Buch bisher überwiegend positiv, auch von linker Seite. Eine sachliche Positionierung jenseits von Instrumentalisierung oder gar Hetze auf der einen und Tabuisierung und Relativierung  auf der anderen Seite scheint mir der richtige Weg. Das Thema beschäftigt viele Menschen, alteingesessene wie die verschiedenen neu zugewanderten, nicht zuletzt alle Muslime, die es schätzen, frei von religiöser Bevormundung leben zu können.

 

Nina Scholz studierte Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin und arbeitete unter anderem am Ludwig-Boltzmann-Institut für historische Sozialwissenschaft in Wien. Heiko Heinisch studierte Geschichte an der Universität Wien und arbeitete dort unter anderem am Institut für Islamische Studien. 2017 war er Koautor des ÖIF-Forschungsberichts zur Rolle der Moscheen im Integrationsprozess. Beide forschen und publizierten zu den Themen Nationalsozialismus und Antisemitismus. Seit mehreren Jahren widmen sie sich integrationspolitischen Fragen.