Gynäkologe Peter Husslein kritisiert: „Die Situation ist vollkommen aus dem Ruder.“

© Kurier/Gilbert Novy

Chronik Österreich
09/07/2019

AKH Wien: Kein Platz für Zwillingsfrühchen

Gleich acht Intensivbetten für Frühgeborene werden nicht genutzt – wegen Personalmangels. Eine werdende Mutter ist entsetzt.

von Thomas Trenkler

Am Freitag brach eine schwangere Mutter im AKH in Verzweiflung aus. Denn eine Ärztin hatte ihr erklärt, dass man ihre beiden Buben, Frühchen in der 30. Woche, unmittelbar nach der Geburt in ein anderes Spital transferieren werde. Die 35-Jährige war kaum zu beruhigen. Und sie wehrte sich gegen die verordnete Kindsweglegung: Sie informierte die Patientenanwaltschaft und suchte den Kontakt zum KURIER.

Mit gebrochener Stimme erzählt sie ihre Geschichte: Im Zuge der Untersuchungen während der Schwangerschaft war festgestellt worden, dass die Zwillinge durch den Mutterkuchen miteinander verbunden sind. Dies kann dazu führen, dass ein Fötus zu viel versorgt wird – und der andere währenddessen vertrocknet.

Der Frauenarzt riet ihr, sich ans AKH zu wenden, wenn sie die optimale Betreuung für ihre Kinder wolle. Das tat die Patientin mit der Risikoschwangerschaft auch – und sie fühlte sich vom Team rund um Peter Husslein, Vorstand der Frauenheilkunde, bestens betreut.

Die Gefahr, dass die Zwillinge mit dem „Transfusionssyndrom“ sterben könnten, nahm zu. Und so wurde die Patientin am Freitag stationär aufgenommen. Heute, Sonntag, soll die Entbindung durch Kaiserschnitt erfolgen.

Kampf um die Kinder

Im Zuge des neonatologischen Aufklärungsgesprächs kam es zum emotionalen Zusammenbruch: „Frau Dr. Berger sagte mir, sie hätte keinen Platz für meine Kinder, man würde sie mir wegnehmen und in ein anderes Spital bringen. Aber hier im AKH ist der richtige Ort für meine Kinder. Und die Kinder brauchen doch die Bindung zur Mutter von Anfang an – gerade wenn es Frühchen sind!“

Der KURIER übermittelte Angelika Berger, der Leiterin der Neonatologie (Neugeborenen-Station), die Vorwürfe der Patientin und bat um eine Stellungnahme. Die Antwort kam von Nina Brenner-Küng, Sprecherin des Wiener Krankenanstaltenverbunds: Natürlich sei es das Ziel, die Mutter nicht von ihren Kindern zu trennen. „Aber alle neonatologischen Betten im AKH sind besetzt. Wir müssen daher die Kinder transferieren. Wir haben der Patientin auch angeboten, in einem anderen Wiener Krankenhaus entbunden zu werden, aber das lehnt sie ab.“

Aus einem plausiblen Grund, wie die Schwangere dem KURIER erklärte: Sie habe volles Vertrauen in das AKH – in einem anderen Spital kenne man ihre Geschichte nicht, sie würde als Fremde behandelt.

Kritik von Husslein

Zudem fragte der KURIER bei Peter Husslein, dem Vorstand der Frauenklinik, nach. Er bestätigte den Vorfall – und erklärte den Sachverhalt folgendermaßen: „Durch die geradezu unglaublichen Leistungen der Kinderheilkunde überleben heute Frühgeborene, die früher gestorben wären.“ Aber der Betreuungsaufwand sei enorm: „Ein Kind, das mit 500 bis 600 Gramm geboren wird, belegt monatelang zuerst ein Intensiv- und dann ein Intermediate-Care-Bett, bevor es entlassen werden kann. Das heißt: Es gibt einen wirklich unglaublichen Bedarf an ärztlicher, vor allem auch schwesterlicher Expertise.“ Und weiter: „Es besteht aber ein eklatanter Mangel an Kinderintensiv-Schwestern. Das ist ein hoch spezialisierter Beruf! Frau Professor Berger hat hunderte Male darauf hingewiesen – und nichts ist passiert.“

Personal abgesaugt

Das hatte Folgen, so Husslein: „Acht Kinderintensiv- oder Intermediate-Care-Betten sind gesperrt, weil wir das Personal nicht haben, um sie zu betreiben. Daher müssen Kinder, wenn es ihnen ein bisschen besser geht, an alle möglichen Kinderabteilungen – auch in Niederösterreich und manchmal sogar noch weiter weg – transferieren, was natürlich jedes Mal zu emotionalen Ausbrüchen der Mütter führt. Und zu guter Letzt hat uns das SMZ Nord auch noch qualifiziertes Personal abgesaugt. Die Situation ist vollkommen aus dem Ruder.“

Auf Nachfrage bestätigt Brenner-Küng vom KAV, dass die acht Betten gesperrt sind. Den Personalnotstand führt sie auf die hohe Fluktuation zurück. Aber nun bilde man neue Krankenschwestern aus – und bereite sie besser vor.

Was mit den Neugeborenen passieren wird, blieb bei Redaktionsschluss offen.

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