Trotz Ärztemangel: Warum Medizin-Absolventen keinen Job finden
Medizinabsolventen müssen oft monatelang auf Ausbildungsplätze warten (Symbolbild)
Sibylle* (*Name von der Redaktion geändert) klappt ihren Laptop auf. Mehrere Browserfenster sind geöffnet: Bewerbungsportale, der E-Mail-Posteingang, Kliniklisten. Sie studiert im letzten Semester Medizin an der Kepler-Universität Linz und befindet sich gerade im Klinisch-Praktischen Jahr (KPJ).
Kein Platz für die Basisausbildung
Damit sie nach dem Studium als Ärztin arbeiten kann, muss sie anschließend die Basisausbildung absolvieren. Diese dauert neun Monate und ist Voraussetzung für die weitere Ausbildung – entweder in der Allgemeinmedizin oder zum Facharzt. Einen Platz dafür hat sie bisher aber nicht.
„Ich hab mich in Linz beim Uniklinikum und bei den Barmherzigen Brüdern und Schwestern beworben, bei den Salzkammergutkliniken und in Wels – alles Absagen“, ist sie enttäuscht.
Überall nur ein Wartelistenplatz
Auch in Niederösterreich steht die 25-Jährige auf Wartelisten: Waidhofen, Amstetten, Scheibbs. Während im Studium noch vermittelt wurde, dass Ärztinnen und Ärzte dringend gebraucht werden, erlebt sie nun das Gegenteil: Wartelisten statt Jobzusage.
„Ich weiß nicht, wo ich arbeiten werde, wo ich wohnen werde. Das stresst mich alles innerlich.“ Und Sibylle ist damit nicht allein: Immer mehr Jungmediziner berichten von ähnlichen Erfahrungen, bestätigt auch die Ärztekammer (ÖAK) auf Anfrage.
Ausweg Ausland?
Tobias Kälble studiert in Innsbruck und ist Vorsitzender der Studienvertretung Humanmedizin. Auch dort ist das Problem spürbar. „Man studiert sechs Jahre und freut sich aufs Arbeiten. Da wundert man sich nicht, dass Kolleginnen und Kollegen ins Ausland gehen.“
Auch Kälble überlegt, nach Deutschland zu gehen. „Ich würde gerne bleiben, aber ohne Arbeitsplatz wird es schwierig. Wenn ich mit dem Studium fertig bin, bin ich 30, ich habe keine Zeit mehr zu warten.“ Belastbare Zahlen, wie viele ins Ausland gehen, gibt es nicht. 2025 schätzte die Ärztekammer, dass rund ein Drittel der Medizinerinnen und Mediziner „nicht versorgungswirksam“ seien. Das bedeutet, sie verlassen das Land oder sind anschließend nicht als Ärztin oder Arzt tätig.
- Studienzugang: Bevor man studieren kann, muss man den Aufnahmetest bestehen. Die Erfolgsquote liegt im Schnitt bei eins zu acht.
- Universität: Das Studium dauert sechs Jahre und umfasst Vorlesungen und das Klinisch-Praktische Jahr.
- 9 Monate dauert die Basisausbildung. Dabei sollen grundlegende Kompetenzen erlernt werden.
- Allgemeinmedizin oder Fachgebiet? Allgemeinmediziner müssen 27 Monate
im Spitalturnus und sechs Monate Lehrpraxis absolvieren. Wer sich auf ein Fach spezialisiert, muss sich noch weitere vier bis sechs Jahre fortbilden.
Doch Österreich hätte die Jungmediziner dringend nötig. Rund ein Drittel der Ärzteschaft ist älter als 55 Jahre – eine Pensionierungswelle steht an. Laut der ÖÄK fehlen bis 2030 rund 1.000 Allgemeinmedizinerinnen und -mediziner sowie 1.500 Fachärztinnen und -ärzte.
"Künstlicher Flaschenhals"
Anant Thind von der ÖH Meduni Wien erzählt von ähnlichen Problemen. „Viele meiner Studienkollegen suchen vergeblich nach Stellen, in den letzten Jahren hat sich das Problem verschärft“, erzählt er. Er sei zwar in Wien geboren und aufgewachsen, dennoch überlegen er und seine Freunde nach Deutschland oder in die Schweiz zu gehen. Dort gibt es die Basisausbildung nämlich nicht, Österreich produziere einen „künstlichen Flaschenhals“.
Die Basisausbildung sei grundsätzlich wichtig und richtig, der Grundstein für die spätere ärztliche Praxis wird hier gelegt, so die ÖÄK. In einer Ausbildungsevaluierung 2025 sprachen sich 80 Prozent der befragten Ärztinnen und Ärzte für die Beibehaltung der Ausbildung aus.
Basisausbildung freiwillig
Das deutsche Modell ist für die ÖÄK daher kein Thema, jedoch fordere man Freiwilligkeit. Warum die Plätze nicht einfach aufgestockt werden? Weil die Bundesländer Spitalsträger sind und somit auch für die Zahl der Ausbildungsplätze zuständig sind, es fehlt jedoch bekannterweise an Geld. Eine Erhöhung der Studienplätze ist nicht sinnvoll, um die Lücke zu schließen. „Da würden wir den Flaschenhals ja nur verengen und mehr Studenten ins Ausland gehen“, gibt Maximilian Haslinger, Vorsitzender der ÖH Innsbruck, zu Bedenken.
Sibylle wartet derweil weiter auf eine Rückmeldung. „Dieses Warten ist natürlich nicht so schön“, sagt sie. „Langsam denke ich über einen Nebenjob nach, um die Zeit zu überbrücken. Ich kenne sogar jemanden, der als Taxifahrer angefangen hat“, erzählt sie. Eigentlich möchte sie aber Allgemeinmedizinerin werden – dafür hat sie viele Studienjahre investiert. Sie aktualisiert nochmals ihren Posteingang. Auch heute bleibt er leer.
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