"A4-Prozess": Hauptangeklagter bedauert den Tod der Migranten

Der Gerichtssaal in Kecskemet
Angeklagter Afghane: "Als hätte ich eigene Familie verloren".

Der Hauptangeklagte im Prozess um das A4-Flüchtlingsdrama von 2015 bedauert nach eigenen Angaben den Tod der 71 geschmuggelten Migranten in einem Lkw. Es sei "als hätte ich die eigene Familie verloren", sagte der Afghane am Donnerstag vor dem Gericht in der ungarischen Stadt Kecskemet. Der Mann gilt den Ermittlern zufolge als Boss der Schlepperbande.

Der Afghane, der 2012 nach Ungarn gekommen war und Schutzstatus erhalten hatte, las eine niedergeschriebene Aussage im Dialekt Paschtu vor. Zuvor machte er auf Aufforderung des Richters ein paar Angaben zu seiner Person: Er habe Psychologie studiert, ist verheiratet, hat keine Kinder und keinen Besitz in Ungarn, aber ein Haus gemeinsam mit seiner Familie in Afghanistan, sagte er.

Der Papierstapel, aus dem der Angeklagte vorlas, war rund 20 Zentimeter hoch. Seinen Angaben zufolge war er nach Aufenthalten in diversen Flüchtlingslagern mit rechtskonformen Papieren ausgestattet nach Budapest gekommen. Aus Afghanistan ließ sich der Mann sein Vermögen von 150.000 Dollar überweisen, das "nicht aus Straftaten stammte", wie er betonte. Mit einem Teil des Geldes eröffnete er in der ungarischen Hauptstadt ein Internet-Cafe.

 

Weil das Lokal nicht gut lief, suchte er Rat bei einem Landsmann, der als Geldwechsler agierte. Auf dessen Vorschlag stieg der Hauptangeklagte in das Hawala-System ein, wie aus seiner Lesung hervorging. Die Bezahlung bei Schleppern erfolgt häufig über dieses Überweisungssystems der muslimischen Welt. Es basiert auf einer Geldübergabe über Vertrauensmänner und hinterlässt kaum Spuren. Hawala kommt aus dem Arabischen und hat seinen Ursprung im frühmittelalterlichen Handelswesen des Nahen und Mittleren Ostens.

Um 50.000 Euro erwarb der Hauptangeklagte von einem Afghanen eine SIM-Karte mit Kontaktdaten und damit dessen Kunden. Pro Überweisung kassierte er fünf Prozent an Gebühren. Aus verschiedenen Lagern in Ungarn seien Schleppungen organisiert worden. Als Chefs der Organisation bezeichnete der Mann den flüchtigen zwölften Angeklagten, Amin, sowie einen Mann namens Kairo.

In dem Prozess sind insgesamt 14 Personen - elf Bulgaren, zwei Afghanen sowie ein bulgarisch-libanesischer Staatsbürger - angeklagt. Sie sollen Schuld am Erstickungstod der Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, dem Iran und dem Irak sein. Unter den 71 Todesopfern waren vier Kinder. Drei der 14 Angeklagten sind noch auf der Flucht. Seit Juni 2017 wird in Kecskemet verhandelt.

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