Chronik | Österreich
14.06.2018

71 Tote: „Flüchtlinge haben zwei Mal bezahlt“

Lokalaugenschein in Parndorf: Gedenkstätte an der Autobahn musste aus Sicherheitsgründen entfernt werden

Schlepper und Parndorf – bei diesen zwei Begriffen haben vermutlich die meisten Europäer das Bild jenes Kühllasters vor Augen, der am 27. August 2015 in einer Pannenbucht auf der Ostautobahn A4 entdeckt worden war. 71 Menschen waren in dem Fahrzeug qualvoll erstickt. Auch wenn die Flüchtlinge laut Gerichtsmedizin schon in Ungarn gestorben sind, wird die nordburgenländische Gemeinde mit dem Drama in Verbindung gebracht.

Bis vor Kurzem erinnerten Blumen und Kerzen, die neben dem Pannenstreifen abgelegt worden waren, an die Katastrophe. Beim Lokalaugenschein des KURIER liegt nur mehr eine kaputte Puppe, die offenbar von Angehörigen gebracht worden war, im Gras. „Die Gedenkstätte musste aus Sicherheitsgründen entfernt werden“, sagt Vizebürgermeister Franz Huszar (Liste Parndorf). Laut Asfinag sei es wegen der vielen Schaulustigen einige Male beinahe zu Unfällen gekommen.

Sensationsgier

Der Ort, an dem die Toten im Lkw gefunden wurden, erregt dennoch fast drei Jahre später das Interesse einiger Schaulustiger. Ein ungarischer Chauffeur drosselt seinen Lkw, um im Vorbeifahren mit dem Handy ein Bild der Unglücksstelle zu machen.

„Die Parndorfer sind in Bezug auf diesen Vorfall sehr zwiespältig eingestellt“, sagt Huszar. Der Tod der 71 Menschen sei ein emotionales Thema gewesen. „Aber die Bevölkerung will nicht immer damit assoziiert werden.“

Den Prozess, der den Schleppern seit rund einem Jahr im südungarischen Kecskemét gemacht wird, verfolgen die Bewohner der 5000-Seelen-Gemeinde in der Nähe des Neusiedler Sees mit Argusaugen. „Hier geht es um die Moral. Ich hoffe, dass die, die für den Tod der vielen Menschen verantwortlich sind streng bestraft werden“, fordert der Gemeindebedienstete Meinhard Erber. Denn die Flüchtlinge hätten zwei Mal bezahlen müssen: „Und zwar einmal mit dem Schlepperlohn und einmal mit ihrem Leben.“

Auch Herr Fritz interessiert sich für den Prozess seit Beginn an. „Als die Leichen im Lkw 2015 gefunden wurden, war das ein großes Thema. So etwas passiert hier bei uns zum Glück ja nicht alle Tage.“ Abseits der Gerichtsverhandlung werde über den Tod der Flüchtlinge aber nicht mehr gesprochen.

„Ich glaube, dass dieser Fall langsam in Vergessenheit gerät“, meint Listen-Bürgermeister Wolfgang Kovacs. Die Errichtung eines Mahnmals sei nicht geplant. „Wir wollten hier bewusst ein anderes Zeichen setzen.“ Mit der finanziellen Beteiligung an der Aufführung eines Theaterstückes wollte die Gemeinde einen „kulturellen Gedenkstein“ setzen. „71 oder der Fluch der Primzahl“ heißt das Werk von Peter Wagner, das sich der Aufarbeitung der Katastrophe widmete und 2017 in Parndorf uraufgeführt wurde. Ob die Tragödie etwas an der teilweise negativen Einstellung der Menschen gegenüber Migranten geändert habe? „Es ist furchtbar, aber ich glaube es nicht“, sagt Kovacs.