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Chronik Österreich
08/24/2019

39 Spionagefälle: Bespitzelung, Verrat, Mord

Im Haus der Geschichte in St. Pölten wird in einer Ausstellung die Welt der Geheimdienste aufgearbeitet.

von Martin Gebhart

Die Methoden und Bezeichnungen haben sich geändert, das System ist die Jahrhunderte hindurch das gleiche geblieben. Es geht um Bespitzelung, Verrat, Mord unter dem Deckmantel der nationalen Sicherheit. Die Geschichte der Geheimdienste reicht bis in das Römische Reich zurück, die aktuelle Affäre rund um das Bundesamt für Verfassungsschutz (BVT) hat – unfreiwillig – öffentlich gemacht, wie heute in Österreich in diesen Kreisen gearbeitet wird.

Der wissenschaftliche Leiter des Hauses der Geschichte in St. Pölten, Christian Rapp, hat sich gemeinsam mit Andrea Thuile und Benedikt Vogl das Gesicht der Spionage angesehen und anhand von 39 Fällen eine Geschichte dieser geheimnisvollen Arbeit zusammengestellt. Mit ungemein vielen Originalobjekten.

Von der Uhr von Oberst Redl aus dem Jahr 1873, die der bekannteste Spion der österreichischen Monarchie seiner Geliebten geschenkt hatte, über die berühmte Chiffriermaschine Enigma aus dem Jahr 1935 bis hin zu einem Verhörstuhl aus der ehemaligen CSSR.

Der menschliche Faktor

All die technischen Hilfsmittel, die das Bespitzeln über die Jahrhunderte hinweg immer professioneller, ausgeklügelter, undurchsichtiger gemacht haben, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass der menschliche Faktor bei den Geheimdiensten noch immer das Entscheidende ist. Deswegen erzählen die 39 Spionagefälle, die ab 6. September im Haus der Geschichte zu sehen sind, in erster Linie Geschichten über berühmte Spione, über Gruppierungen, über die Angst von Machthabern, die Bevölkerung nicht unter Kontrolle zu haben.

Etwa im Fall 8 über den ehemaligen Reichskanzler Otto von Bismarck, der seine Spione gegen die aufkommende sozialistische Arbeiterbewegung einsetzte. In dieser Zeit wurden bereits Knopflochkameras zur Bespitzelung verwendet. Oder im Fall 13 über die berühmte Tänzerin und Doppelagentin Mata Hari, die 1917 von den Franzosen verhaftet und vor ein Militärgericht gestellt wurde.

Fall 1 reicht ins Römische Reich zurück, wo sich Getreidehändler um die Versorgung der Truppen gekümmert haben. Bis sie von Feldherrn dazu genutzt wurden, um Informationen aus anderen Lagern zu erhalten. Aus den Händlern wurde die Spionage-Spezialeinheit der „Frumentarii“.

Natürlich tauchen in den 39 Fällen die bekannten Geheimdienste wie der israelische Mossad, der russische KGB oder der amerikanische CIA auf. Fall 38 setzt sich auch mit dem ehemaligen Mitarbeiter des amerikanischen Nachrichtendienstes NSA, Edward Snowden, auseinander. Seit er dessen Überwachungsmethoden an die Öffentlichkeit gebracht hat, muss er in Russland im Exil leben. Um seinen Fall in St. Pölten zeigen zu können, musste das Museum sogar mit dessen Anwalt in Hongkong Kontakt aufnehmen.

Spitzel in Österreich

Das BVT und seine jüngste Affäre kommen in den 39 Fällen nicht vor. Die Geschichte der Spionage in Österreich aber sehr wohl. Das reicht von den Methoden von Fürst Clemens Wenzel von Metternich, der die Teilnehmer am Wiener Kongress 1814 und 1815 überwachen ließ, über die Affäre Oberst Redl bis hin zu jüngeren Fällen zu Zeiten des Eisernen Vorhangs.

Im Fall 25 wird das Schicksal von Karl Erwin Lichtenecker aufgezeigt, dem Spionagetätigkeit für die CSSR vorgeworfen wurde. Anfang der 1960er hatte er sich mit dem tschechoslowakischen Kulturattaché Miroslav Janku angefreundet. Er half ihm mit Berichten über die österreichische Außen- und Wirtschaftspolitik. Was er nicht ahnte: Janku war Mitarbeiter des Geheimdienstes und baute ihn als Verbindungsmann im Bundeskanzleramt auf. 1971 wurde Lichtenecker verhaftet und zu zehn Monaten Haft verurteilt. Zu Unrecht, wie er zeitlebens beteuerte. Was er zugab: Er sei einfach zu blauäugig gewesen.

Die Sonderausstellung  „Spionage! 39 Fälle“ ist vom 6. September 2019 bis zum 19. Jänner 2020 im Haus der Geschichte (Museum Niederösterreich) in St. Pölten zu sehen. Das Museum ist von Dienstag bis Sonntag täglich von 9 bis 17 Uhr geöffnet, nur am Montag bleibt es geschlossen.

Die Ausstellung ist Teil einer Kooperation von vier Museen in der Tschechischen Republik und in Niederösterreich. Kuratiert wird sie von Christian Rapp, Andrea Thuile und Benedikt Vogl.  
www.museum.at