3 Millionen Fahrten pro Jahr: Sanitätswesen soll mehr Verantwortung bekommen
Mehr Verantwortung für Mitarbeitende im Sanitätswesen.
Sie sind die ersten bei Notfällen, schätze die Lage ein, helfen akut und bringen die Rettungskette in Gang. Sie fahren Kranke zu ihren Terminen und sichern wichtige Transporte.
Sanitäterinnen und Sanitäter sind wichtige Schlüsselpersonen im heimischen Gesundheitssystem - und immer gefragter.
Drei Millionen Rettungsfahrten gab es alleine im Jahr 2024, Tendenz steigend. Dabei zählt der Beruf nach wie vor zu den Gesundheitsberufen mit der kürzesten Ausbildungszeit.
Aufwertung des Berufsbildes gefordert
Das belastet das Personal, viele verlassen den Beruf vorzeitig. Damit sich das ändert, haben sich nun die Rettungsinstitutionen zusammengeschlossen und fordern eine Aufwertung des Berufsbilds samt steigender Verantwortung.
Der Bundesverband Rettungsdienste, der Samariterbund und die Arbeiterkammer benennen die vier größten Problemfelder im Rettungswesen:
- Hoher Anteil vermeidbarer Spitalsfälle: Jährlich werden rund 600.000 Patienten als Notfall mit der Rettung ins Spital gebracht und ohne stationäre Aufnahme wieder entlassen. In vielen Fällen wäre eine Fahrt in die ohnedies überlasteten Ambulanzen nicht nötig, die Versorgung könnte sich im niedergelassenen Bereich abspielen.
- "Frequent User" verursachen ein Viertel aller Kosten: Rund 25 Prozent aller Rettungseinsätze betrifft Menschen, die mehrmals pro Jahr, teils sogar mehrmals am Tag den Rettungsdienst alarmieren, ohne dass Probleme nachhaltig gelöst werden. Gründe dafür sind chronische Erkrankungen, Einsamkeit oder überforderte pflegende Angehörige.
- Pflegeheim-Problematik: Schätzungen zufolge stammen 50.000 Notfalleinsätze pro Jahr aus Pflegeheimen. Studien zeigen: Rund ein Drittel davon wären vermeidbar, wenn Strukturen, Kommunikation und medizinische Abklärung vor Ort besser zusammenspielen.
- Die Kosten explodieren: Alleine die staatlichen Ausgaben für Rettungs- und Krankentransporte stiegen laut Statistik Austria von 2018 bis 2024 von 419 Mio. Euro auf mehr als 600 Mio. Euro, das ist ein Plus von mehr als 40 Prozent in sechs Jahren.
"Unsere Forderung lautet, mit entsprechend qualifizierten Notfallsanitäterinnen und -sanitätern Patienten frühzeitig in passende Versorgungspfade zu leiten. Dadurch lassen sich unnötige Spitalszuweisungen in großem Umfang vermeiden", sagt Florian Zahorka, Vorstandsmitglied des Bundesverbands Rettungsdienst.
834 Millionen Euro mehr für das Gesundheitssystem
Eine dafür notwendige mehrjährige Ausbildung neu sei kein Kostentreiber, sondern ein wirksamer Hebel, um in Folge jährlich hunderte Millionen freiwerden zu lassen. Die Rede ist hier sogar von 834 Millionen, die man für das Gesundheitssystem freispielen könnte, wenn im Gegenzug 19 Millionen Euro in eine moderne Ausbildung für Notfallsanitäterinnen investiert werde.
Die Ausbildung soll länger und intensiver werden.
Dass dies sowieso ein zeitgemäßer Schritt wäre, zeigt der internationale Vergleich: Während andere Länder drei- bis vierjährige Ausbildungen haben, liegt die höchste Ausbildungsstufe in Österreich bei unter einem Jahr. In den Niederlanden zum Beispiel haben Sanitäterinnen und Sanitäter wesentlich höhere Kompetenzen: Sie entscheiden vor Ort, ob eine Patientin ins Spital kommt oder beim niedergelassenen Arzt behandelt wird.
Ehrenamt wird nicht verdrängt
"Die Komplexität des Rettungswesen hat in den vergangenen 20 Jahren stark zugenommen, gleichzeitig fallen Versorgungsstrukturen weg. Wichtig ist uns, dass das Ehrenamt nicht verdrängt wird. Ehrenamtliche leisten weiterhin einen essenziellen Beitrag im Rettungsdienst und verringern den Arbeitsdruck für Hauptberufliche", sagt Daniel Unger, Leiter der Stabstelle Rettung & Krankendienste Samariterbund Österreich.
Konkret lautet die Forderung aller Institutionen: 4.000 Notfallsanitäterinnen und -sanitäter (aktuell gibt es 48.000) sollen bis 2036 höher qualifiziert werden - mit Start 2027. Damit könnten rasch wirksame Entlastungseffekte erzielt werden.
Kommentare